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Dann bist du eben gefickt. Über Sexualität und Gewalt

29. Mai 2011

Dass es in der westlichen Ideengeschichte eine ziemliche Konfusion im Bezug auf das Verhältnis von Sexualität und Gewalt gibt, und zwar bis heute, ist in der Berichterstattung über die Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn erneut deutlich geworden. Ein Großteil der medialen Berichterstattung von taz bis Spiegel hat den Vorwurf, er habe eine Hotelangestellte vergewaltigt, unter die Rubrik „Sexaffäre“ einsortiert (hier eine interessante Zitatensammlung), was zu Recht bei vielen für Empörung sorgte.

Aber der Vorwurf, hier würden Sexualität und Gewalt illegitimerweise miteinander vermengt, ist mehr als eine moralische Bemerkung. Er geht von einem historisch relativ neuen Verständnis von Sexualität aus – nämlich dass das eine Sache sei, die zwei Menschen gemeinsam miteinander tun. Das erscheint uns heute ganz selbstverständlich. Ist es aber nicht. Und die Gründe dafür erschöpfen sich nicht nur in individuellem Versagen einzelner Männer oder Medienleute.

Über Jahrhunderte hinweg ist Sexualität nämlich als Handlung verstanden worden, die ein Mensch mit einem anderen tut, die also per Definition zwischen Ungleichen stattfindet, und zwar genauer noch: zwischen zweien, die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Zwischen einem Aktiven und einer Passiven. Dem „Liebhaber“ und der „Geliebten“.

So zeigt Ruth Mazo Karras in ihrer Studie über Sexualität im Mittelalter, dass vieles von dem, was heute unbestritten dem Bereich des Erotischen zugeordnet wird, damals gar nicht als Sexualität galt: Lesbischer Sex, weibliche Masturbation, Händchenhalten und Küssen unter Mönchen und Nonnen, feurige und tiefgehende Liebeserklärungen, die Männer einander häufig in Briefen (und vermutlich auch in Gesprächen) zukommen ließen. Nach mittelalterlicher Vorstellung hatte all dies nichts mit Sexualität zu tun, weil das zentrale Instrument der Zeugung, nämlich der erigierte Penis, dabei keine Rolle spielte. Und die Zeugung von Nachwuchs war aus kirchlicher Sicht der einzig legitime Zweck des Geschlechtsverkehrs. Nicht Erotik, Erregung und Lust bildeten das Zentrum der Sexualität, sondern das „Reinstecken“ und „Reingesteckt bekommen“, also die beiden ganz eindeutig als aktiv und passiv voneinander abgegrenzten Rollen des Geschlechtsaktes.

Deshalb galt es auch nicht als Sünde, wenn zwei Frauen sich gegenseitig erotisch stimulierten, sondern nur wenn sie sich dabei mit einem Gegenstand penetrierten – denn dies bedeutete, dass sie eine verbotene „aktive“ Rolle simulierten. Auch die Sündhaftigkeit männlicher Homosexualität, damals in der Regel als „Sodomie“ bezeichnet, hing in ihrer sozialen und moralischen Relevanz vom jeweiligen Part ab: Wenn ein Mann einen anderen Mann penetrierte, war das nicht schlimmer, als wenn er mit einer Frau schlief, die nicht die eigene Ehefrau war. Wenn ein Mann es aber zuließ, von einem anderen penetriert zu werden, dann verdrehte er die zugewiesenen Geschlechtsrollen, und sein Vergehen war um ein Vielfaches größer.

Dass Frauen trotz ihrer Passivität und auch, wenn sie vergewaltigt wurden, für sexuelle Vergehen verurteilt werden konnten, zum Beispiel als Ehebrecherinnen, zeigt nur an, dass gleichzeitig auch ein anderes Verständnis von Schuld herrschte: Es ging dabei nicht um individuelle, moralische Verantwortung, die bestraft werden sollte, sondern vielmehr um die Verstrickung in „widernatürliche“ Verhältnisse.

Die strikte Unterscheidung von aktiver und passiver Rolle beim Geschlechtsverkehr bedeutet auch, dass der Akt der Vergewaltigung anders als heute bewertet wurde: Die passive Rolle einzunehmen, bedeutete ja bereits per Definition, Gewalt zu erleiden. Die tatsächliche Gewaltausübung stellte daher keinen großen Skandal dar. Die Frage nach der Zustimmung der Frau wurde schlicht nicht gestellt, denn sie galt als irrelevant – was erklärt, warum es so lange gedauert hat, bis Vergewaltigung (auch in der Ehe) als Straftat angesehen wurde.

Schon immer vermischte sich diese Hierarchisierung zwischen „aktiver“ Männer- und „passiver“ Frauenrolle mit sozialen Hierarchien. So war für Andreas Capellanus, der im 12. Jahrhundert ein Ratgeber-Buch „Über die Liebe“ schrieb, das für die westliche Ideengeschichte überaus wirkmächtig war, völlig klar, dass ein Mann höherstehende „Damen“ keineswegs vergewaltigen darf, „Bauernmädchen“ aber schon: „Versäume nicht, dir sofort zu nehmen, was du wolltest, und mit ihnen unter Gewaltanwendung den Beischlaf zu vollziehen.“ (S. 163) Interessant ist, wie er das begründet, nämlich keineswegs mit der aus den sozialen Hierarchien folgenden puren Macht, sondern mit dem „Argument“, dass Frauen aus unteren Schichten für die ausgefeilten Wendungen der Minne-Werbung ohnehin unempfänglich seien: „Du wirst sie in ihrer Grobheit nämlich von außen kaum so gefügig machen können, dass sie sich damit einverstanden erklären.“ (ebd)

Die Vorstellung, dass die „unteren“ Schichten (Arbeiter_innen, Sklav_innen, „Wilde“ in den Kolonien) für die subtilen Formen „wahrer“ Liebe ohnehin nicht empfänglich seien und sich ihr Geschlechtsleben auf puren, quasi animalischen Sex beschränke, war die traditionelle Legitimation dafür, dass Frauen aus diesen Gruppen weitgehend straflos vergewaltigt und Männer aus diesen Gruppen ohne große Beweisführung der Vergewaltigung „höherstehender“ Frauen beschuldigt und dafür verurteilt werden konnten.

Diese Denkfigur ist durch die rechtliche Emanzipation dieser Bevölkerungsgruppen im Übrigen keineswegs aufgelöst worden. Denn der Preis dafür, dass sie nicht mehr in die Kategorie „Ohnehin nicht liebesfähig“ einsortiert werden, ist die vollständige Anpassung an eine bürgerlich-heterosexuelle Liebesordnung. Das zeigt sich immer wieder – und auch im aktuellen Fall der Hotelangestellten, die Strauss-Kahn vorwirft, sie vergewaltigt zu haben – daran, dass sie ihr Privatleben auf „bürgerliche Wohlanständigkeit“ hin durchforschen lassen müssen, wenn sie ihre Rechte formal durchsetzen wollen. Noch immer wirkt sich ein promiskes Liebesleben negativ auf die Prozesschancen von Vergewaltigungsopfern aus – wofür es aber keinen vernünftigen Grund gäbe, wenn Sexualität tatsächlich als wesentlich gewaltfreie Angelegenheit verstanden würde, also als etwas, das Menschen miteinander tun und nicht einander „antun“.

Für mich stellt sich bei all dem die Frage, warum eigentlich diese alte und längst für überholt gehaltene Vorstellung von Sexualität als Gewalt, als Vorgang, bei dem aktiver und passiver Part klar unterschieden sind, so langlebig ist. Manche mögen beim Lesen dieses Textes gedacht haben: Was soll dieses Gerede über das Mittelalter, die Zeiten haben sich doch längst geändert!

Und in der Tat, sie haben sich geändert! Dank der Frauenbewegung haben wir heute ganz andere Gesetze, in unseren Regalen stehen haufenweise Bücher, in denen Sexualität als egalitärer, lustvoller Akt zwischen Menschen beschrieben wird, die Zeitschriften und Kinos sind voll von Geschichten über Menschen, die sich lieben und einander als Gleichwertige begegnen. Warum eigentlich kommen diese ollen Kamellen trotzdem immer wieder an die Oberfläche – gegen unseren kollektiven Willen sozusagen? Warum gelingt es uns nicht, unsere kulturellen Bilder endlich in neue Bahnen zu lenken, obwohl wir uns doch wirklich Mühe geben?

Vielleicht liegt es daran, dass wir den Zusammenhang von Macht und sexueller Gewalt bislang immer nur in eine Richtung gedacht haben – nämlich so, dass sich politische und gesellschaftliche Macht in Form von sexueller Gewalt manifestieren kann und dadurch gewissermaßen befestigt und bestätigt.

Die italienische Philosophin Diana Sartori hat aber kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass es hier auch darum geht, was wir eigentlich unter Macht verstehen. Sie schreibt: „Die Macht trieft nur so von Bildern männlicher und sogar reaktionärer männlicher Sexualität. Herrschaft und Unterordnung sind symbolische Synonyme der aktiv/männlichen und der passiv/weiblichen sexuellen Rolle: Wer befiehlt, ist der aktive Mann, und wer keine Macht hat, ist ‚gefickt’, also passiv-weiblich, selbst wenn es sich um einen Mann handelt. Der Macht ausgeliefert zu sein, macht weiblich, und Macht auszuüben macht männlich. Ein italienisches Sprichwort lautet ‚Befehlen ist besser als Ficken’, und es ist wirklich nicht leicht zu sagen, ob hier die Macht als Ersatz für Sex vorgeschlagen wird, oder ob der Sex als Machtausübung ausgemalt wird. Beides geht Hand in Hand, und nicht nur im Sinne einer Analogie, sondern im Sinne einer viel direkteren Verknüpfung.“

Mich brachte das auf die Idee, dass darin vielleicht eine Erklärung liegen könnte für diese merkwürdige Langlebigkeit der Vorstellung, Sexualität sei ein hierarchischer Vorgang mit aktiv-passiver Rollenaufteilung und daher letztlich immer tendenziell mit Gewalt behaftet: Weil wir genau so Macht definieren. Und weil wir zwar alle (oder doch die meisten von uns) inzwischen der Auffassung sein mögen, dass Gewalt und Hierarchien im Intimleben der Menschen nichts verloren haben – aber gleichzeitig ganz selbstverständlich akzeptieren, dass es ansonsten natürlich „Macht“ geben muss. Eine Macht, die zwar eingehegt ist durch Gesetze, die aber gleichzeitig durch Institutionen und Verhältnisse ständig neu hervorgebracht wird.

Sexualität jedoch ist von ihrer Natur her mit Verletzlichkeit verbunden, mit Hingabe und Sich Ausliefern, mit Kontrollverlust und eingeschränkter Rationalität, mit der Überschreitung von Grenzen, mit der Öffnung hin zu sehr großer Intimität, mit Durchlässigkeit. Mit Konstellationen also, die sich der Logik der Gleichheit und der Rechte letztlich nicht fassen lassen.

Meine These ist: Solange große gesellschaftliche Bereiche nach dem Muster von Befehl und Gehorsam organisiert sind, solange ist auch „gefickt sein“ eine mögliche, aber fatale Metapher für menschliche Beziehungen. Oder anders gesagt: Solange es „Machthaber“ gibt in dem Sinne, wie Dominique Strauss-Kahn ganz unbestreitbar einer war, solange es also Positionen gibt, die Menschen in die Lage versetzen, anderen „einen reinzuwürgen“ – solange wird auch unsere Sexualität nicht frei sein von der Gefahr, mit eben solchen Bedeutungsebenen überlagert zu werden.


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From → Sexualität

12 Kommentare
  1. Gut geschrieben! +1 ;)

  2. Der Ekelbaron permalink

    Nur kurz ein paar Kritikpunkte:
    1. Was hat das alles mit Liebe zu tun?
    2. Was hat es mit der Natur der Sexualität auf sich? Das ist zumindest irreführend.
    3. Deine These ist relativ nichtssagend. Solange es “Macht” gibt, besteht die Möglichkeit, dass diese sexualisiert (beschrieben) wird. Wer würde das bestreiten?
    4. Das Basis-Überbau-Verhältnis wird nicht ganz deutlich. Wann geht es um die Semantik von Macht und wann um reale Machtverhältnisse? Scheint mir aber sehr Marx zu sein , deine These… Erst die Anerkennung des Klassenkampfes als Klassenkampf macht die Arbeiterklasse handlungsfähig. Analog sind auch einzelne patriarchale Machtsemantiken erst wirksam zu bekämpfen, wenn ganz allgemein die ständigen Kämpfe hinter der scheinbaren Unilateralität der Macht anerkannt werden. Richtig verstanden?

    Den histortischen Teil fand ich gut…

  3. Der beste Beitrag, den ich bislang zu Strauss-Kahn gelesen habe. Neue Denkmodelle, Fragen, die ich mir bislang nicht stellte, eine These die eine gewissenhafte Prüfung wert ist.
    Ob wirklich schon – in der Breite, in der Du das hier hoffend unterstellst – eine gemeinsame, aneinander Anteilnehmende Sexualität zu leben bereit sind, bezweifele ich jedoch, die Porno-Industrie und die durch Nachfrage hervorgebrachten Produkte derselben scheinen eher darauf hinzuweisen, dass es sich bei dementsprechenden Aussagen um Lippenbekenntnisse handelt. Eher scheint mir, dass dieses “alles ist erlaubt, das 2 oder mehr Teilnehmer freiwillig machen” eine Verharmlosung der internalen trdierten Rollenmuster und persönlichen Prägungen ist, die nur vordergründig den Wünschen der -‘bereitwillig’ die passive Position einnehmenden- Unterdrückten entspricht.
    Ich schweife ab.
    Besser:Glückwunsch, der Wurf ging in die richtige Richtung.
    Froh, Dir zu folgen, evilmel

  4. Die für mich interessantere Frage stellt sich doch: Wieso Macht so stark mit einem gendercodex aufgeladen wird? Funktioniert sie so besser, weil die alten Rollenmodelle so stark verankert sind? Oder sind diese Verfahren in der Alltagskommunikation so eingeübt, bzw. so verinnerlich, dass wir sie semiautomatisch anwenden?

    Die Aufladung von Macht mit genderscodes ist keinesfalls zufällig. Es ist wohl ein machtstabilisierender Faktor. Darauf folgt dann aber die Frage, was passiert wenn wir diese Zuweisungen aufbrechen? Verschwindet die Macht? Ich würde das eher verneinen. Sie wandelt nur ihre Form. Befehlen und Gehorchen sind eine zu elementare Beziehung in unserer Gesellschaft (und auch in anderen Gesellschaften). Sie können nicht komplett durch Tauschhandel oder Dialog substituiert werden

    Aber noch eine weitere Frage an Frau Schrupp: mich würde persönlich interessieren wie sie die politische Aufladung des Falles DKS sehen? Es geht mir darum, ob sie auch glauben, dass linke Kritiker und Medien hier andere Wertvorstellungen vertreten. Ein Beispiel wäre die Debatte um eine Verschwörungen gegen Kahn in Frankreich.

    Gruß
    FrauAnke

    • @FrauAnke – Genau, das ist die interessante Frage. Ich glaube, dass Macht nicht erst mit einem Gendercodex quasi nachträglich aufgeladen ist, sondern dass sie von ihrer Ursprungsidee her mit diesem Gendercodex verknüpft ist. Das würde heißen: Man kann die Macht nicht einfach von diesem Codes “reinigen” oder eben die Geschlechterklischees da herauslösen. Denn sie sind nicht nur ein “Anhängsel” der Macht, sondern einer ihrer wesentlichen Konstruktionsbestandteile. Wer Macht anwendet reproduziert daher notwendigerweise immer (auch) diese Gendercodes. Das ist der Grund, warum die Macht nicht verschwindet, wenn wir Gendercodes aufbrechen, sondern sich nur verändert. Was die Alternative wäre, weiß ich nicht. Das wäre ja ein Thema für politische Bewegungen und Diskussionen. Nur dass uns bisher nichts besseres eingefallen ist als Befehlen und Gehorchen ist kein Beweis dafür, dass es nicht anders geht. Außerdem gibt es große gesellschaftliche Bereiche, die nicht qua Befehl und Gehorsam funktionieren, auch jetzt schon. Davon lernen, das als Politik verstehen und diese Bereiche ausweiten wäre evtl. ein Weg.

      Zu deiner zweiten Frage: Der Fall DSK wird natürlich von allen Seiten für eigentliche politische Zwecke instrumentalisiert. Und ebenso wie ein Großteil der Empörung der “Rechten” über DSKs Lebenswandel instrumentell ist (also nur für eigene politische Zwecke benutzt wird und nicht auf echtem Mitgefühl z.B. für das Opfer beruht), ebenso ist seine Verteidigung von Seiten der “Linken” instrumentell. Natürlich messen sie mit zweierlei Maß, denn wäre einer von der Gegenseite in der Lage von DSK würden sie das genauso ausnutzen. Also gehüpft wie gesprungen – und beides auch wieder nur ein Ausdruck dieser “Macht”, um die es hier geht.

  5. so verstehe ich den artikel – mit meinen worten – ich denke auch, dass es an der wurzel unserer gesellschaftlichen konstruktion liegt – und wir feministinnen sozusagen die rolle inne haben, aus einer “machtlosen” position heraus zu sagen “so geht es aber nicht”. das ist in dem gesamtkonstrukt so einfach nicht relevant – deswegen wir es auch nicht gehört.
    vereinfacht gesagt: männer die führen bzw. “macht” haben und männer und frauen die sie nicht haben – und die sind die “gefickten”. ein paar frauen die es schaffen sich auch nach oben zu arbeiten oder da hin geboren zu werden sind auf gewisse art ausgenommen, aber nicht vollständig – über ihnen steht immer noch der mächtige mann.
    ich sehe für mich nur die möglichkeit das zu durchschauen und mich von der verinnerlichung der struktur zu befreien und zu begreifen, dass das weder biologisch noch geschichtlich schon immer so war bzw. auch nicht aktuell überall auf der welt so ist. der glaube daran hält so schon unser system von macht-ohnmacht zusammen.
    es ist schon interessant, dass es in gesellschaftlichen strukturen in denen macht als ausdruck von verantwortung und kompetenz, nicht als “macht über…” verstanden wird, vergewaltigung nicht existiert.
    und: was wird aus solchen “macht”-menschen? ich empfinde es art finsteren rausch – lebenslänglicher überwertigkeitskomplex, gier, übersteigerte angst vor feinden, jegliches mitgefühl, geschweige denn liebe, ausgelöscht. tote finstere leere hüllen. mein neid hält sich in grenzen….

  6. Du verweist ja auch auf das Mittelalter. Dazu gehört ja auch die Leibeigenschaft (persönliche Verfügungsbefugnis eines Leibherrn über einen Leibeigenen), die bis zum Anfang (1500?) der Neuzeit ging. Dieses Hierarchiedenken, dass der Mächtige sich alles ungestraft erlauben kann, weil es ja ihm sowieso gehört, hat sich m. E. bis heute erhalten.

    Das spiegelt sich ja auch in den lächerlich niedrigen Urteilen bei Kindesmissbrauch sowie Vergewaltigung wider. Und scheint offenbar auch noch im Volk selbst vorhanden zu sein, allerdings modifiziert und wohl unbewusst. Das könnte mit ein Grund sein, dass auch die Medien sexuelle Gewalt schnell verharmlosen.

    My 2 cent

  7. Milena permalink

    Spannender Artikel! Als als ich den Abschnitt mit dem Zitat von Diana Sartori gelesen habe, fiel mir vor allem folgendes ein: Muss das “Passive”, das Weibliche in der Sexualität gleichgesetzt werden mit einem Machtverlust? Woher kommt diese Vorstellung (zumindest heute), dass dieser Part (der nicht nur von der Frau übernommen wird) auch wirklich eine Machtabgabe beinhaltet? Schließlich kann der aktive Part immer noch den Wünschen des passiven Parts nachkommen und somit der “Macht” dessen unterstehen.
    Und, mit dem Gedanken an die Vielzahl von Beziehungsgeflechten und Hierarchien: Passivität und Weiblichkeit haben nicht sofort einen Machtverlust zur Folge, vielmehr ist die Ausübung der Macht weniger direkt, weniger gewaltsam und frontal (man denke an die fast allmächtige Mutterfigur in vielen Familienclans). Die Machtausübung erfolgt doch oft eher als ein Überreden, etwas zu tun, oder ein Überzeugen, diese Aufgabe als sinnvoll/wichtig/notwendig/… zu betrachten, oder ein Handel.
    Es ist zu spät in der Nacht, diesen Gedanken richtig auszuarbeiten oder formulieren, aber vielleicht ist ja etwas davon verständlich?

    • @Milena – Interessante Gedanken. Ich glaube auch, dass eine bestimmte Form von “Passivität” auch Machtausübung bedeuten kann. Allerdings würde ich “Überzeugen, dass etwas sinnvoll ist” nicht mit Machtausübung gleichsetzen. Macht zu haben bedeutet über äußerliche Mittel zu verfügen. Überzeugen kann ich auch, ohne Macht zu haben, einfach weil meine Argumente ankommen zum Beispiel. Gerade am Fall einer Mutter kann man das gut sehen: Es ist etwas anderes, ob es ihr gelingt, Kinder von etwas zu überzeugen oder zu etwas zu motivieren (wenn du zu viel Schokolade isst, werden deine Zähne schlecht) oder ob sie ihre Macht einsetzt (die Schokolade wegnimmt und verbietet). Analog gibt es auch unter Erwachsenen diese Unterscheidung. Es ist ein Unterschied, ob ich in eine Sache einwillige, weil ich deren Notwendigkeit einsehe, oder ob mich jemand unter Einsatz von Machtmitteln dazu zwingt, etwas zu tun. Und ich finde diese Unterscheidung sehr wichtig.

  8. Milena permalink

    @ Antje: Da hast du Recht, die Unterscheidung ist wichtig. Das ist mir gestern nicht mehr wirklich aufgegangen, Macht ist ja etwas anderes als Einfluss. Danke für die Richtigstellung!

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  2. Stilblüten: Udo Jürgens « Über Liebe und Freiheit. Eine Sammlung

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