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Freiheit braucht Liebe

14. April 2011

Öffentlich über Liebe zu sprechen, ist heutzutage schwierig. Freiheit und Liebe sind verbrauchte Worte, um eine Formulierung der Philosophin Chiara Zamboni zu benutzen. Sie werden für alles und nichts verwendet, sind verkitscht, instrumentalisiert, zu Platzhaltern geworden für leere Versprechungen und dumme Phrasen.

Dass ich sie dennoch verwende, liegt daran, dass ich für das, was ich sagen will, keine besseren Begriffe gefunden habe. Zum anderen hoffe ich, dass wir diese beiden Wörter wiederbeleben und in den politischen Diskurs zurückführen können, wo sie dringend benötigt werden.

Und zwar aus zwei Gründen, wie ich meine.

Der erste Grund ist das Scheitern der gegenwärtigen Politik der Rechte oder gar des noch unpersönlicheren „freien Marktes“. Gegenwärtig wird ja diskutiert, wer wen kontrollieren muss, ob wir mehr Politik in der Wirtschaft brauchen, während bis vor kurzem die Wirtschaft Vorrang gegenüber der Politik hatte. Doch das ist eine falsche Alternative. Ich meine, weder Politik, so wie wir sie derzeit verstehen, noch die freien Kräfte des Marktes sind zukunftsfähig.

Das bringt mich zu meinem zweiten Punkt, nämlich der von Soziologen beobachten Renaissance romantischer Liebesvorstellungen und dem Wunsch vieler junger Menschen, vor allem Frauen, wieder zurück in heimelige Beziehungswelten zu gehen. Dies halte ich für einen sehr verständlichen Wunsch, der jedoch gefährlich ist, solange diese liebenden Beziehungswelten als unpolitisch verstanden werden, als Abkehrung von der Welt.

Deshalb möchte ich zeigen, dass die beiden Dinge zusammen gehören: Freiheit und Liebe.

Es gibt in unserer Kultur die starke Denkfigur, dass Freiheit und Liebe eigentlich nicht zueinander passen, sich womöglich sogar gegenseitig ausschließen. Man hält die Liebe für etwas, das in der Öffentlichkeit nichts verloren hat. Liebe ist kein politisches Argument.

Gleichzeitig soll, wem seine Freiheit am Herzen liegt, sich möglichst nicht „binden“. Dies ist das Bild des lone and lonesome Cowboy, der sich unbelastet von privaten Verpflichtungen, für die Freiheit in der Welt einsetzt. Es ist offensichtlich ein stark männerlastiges Bild, denn es sind die Frauen, die die Helden durch ihre heimelige Küche in Versuchung führen. Diese Gefahr haben jedenfalls Revolutionäre zu allen Zeiten an die Wand gemalt. Und doch ist es ein Bild, das heute auch für Frauen gilt. Denn: Wenn Frauen zu sehr lieben, ist ihre Emanzipation in Gefahr, wie uns der Titel eines Bestsellers verkündet. Der Cowboy und die emanzipierte Frau haben die Wahl: Entweder sie folgen ihrer Liebe und ziehen sich ins traute Heim zurück, oder sie ziehen hinaus in die Welt, erfolgreich und aktiv, aber einsam.

In meinem Bild hingegen sind Liebe und Freiheit keine Gegensätze, sondern brauchen sich gegenseitig. Und zwar braucht nicht nur die Liebe die Freiheit – das haben wir durch die Frauenbewegung, die den Skandal der weiblichen Unfreiheit, die in patriarchalen Liebesbeziehungen herrschte, ja zum Thema gemacht hat, bereits gelernt. Sondern noch wichtiger ist es andersherum: Freiheit braucht Liebe.

Damit meine ich nicht, wie heute öfter gesagt wird, dass die Freiheit angeblich ausgeufert sei und irgendwie, möglicherweise durch die Liebe, eingehegt und begrenzt werden müsse. Das ist in letzter Zeit ja wieder vermehrt zu hören, besonders im Hinblick auf das Freiheitsbestreben der Frauen, dem man vorwirft, die Liebe untergraben und die Menschen unglücklich gemacht zu haben. Darüber zu lamentieren, dass uns heute angeblich die Liebe fehlt, ist vor allem in konservativen Feuilletons en vogue, und nicht zufällig richtet sich dieser Appell zuerst an die Frauen, denen die westliche Kultur die Rolle der Hüterinnen der Liebe zugewiesen hat.

In diesen Chor möchte ich ausdrücklich nicht einstimmen. Wer sagt, wir hätten zu viel Freiheit und zu wenig Liebe, bekräftigt ja wieder den Gegensatz, den ich gerade bestreite. Wir haben nicht zu viel Freiheit, sondern zu wenig.

In meiner Erzählung hätten der Lonely Cowboy und die emanzipierte Frau am Ende des Films sich nicht zwischen häuslichem Rückzug in die Liebe und einsamem Kampf für die Freiheit zu entscheiden. Sondern sie würden merken, dass gerade die Liebe es ihnen überhaupt ermöglicht, in der Welt für freiheitliche Ideale einzutreten. Die Liebe fesselt nicht ans Haus, sie macht im Gegenteil stark, um für eine bessere Welt hinaus in die Öffentlichkeit zu ziehen.

Als Zeugen rufe ich dabei zunächst einmal die antiken Philosophen an. Denn unsere Vorstellung, dass Liebe und Freiheit einander entgegengesetzt seien, ist vergleichsweise jung. Sie ist ein Kind der Moderne. Vorher, und diese Entdeckung hat mich, zumindest in dieser Deutlichkeit überrascht, ist der Zusammenhang von Liebe und Freiheit ein im Bereich der politischen Theorien viel diskutiertes Thema gewesen.

Aristoteles etwa preist die Liebe geradezu als sozialpolitische Maßnahme an – Liebende sorgen in schlechten Zeiten füreinander. Die Liebe, schreibt Aristoteles, bietet Hilfe bei Armut oder im Alter. Sie ist es, die die Polisgemeinden zusammen hält und die Gesetzgeber dazu bringt, sich um Gerechtigkeit zu bemühen.

In den deutschen Übersetzungen ist hier freilich meist nicht von Liebe, sondern von Freundschaft die Rede. Doch das griechische Wort philia hat einen durchaus leidenschaftlichen, begehrenden Aspekt, freilich nur unter Männern, denn Aristoteles hielt wie viele seiner Zeitgenossen Frauen für minderwertig und schloss sie von der Polis, der Politik und der Öffentlichkeit, aus.

Über das schwierige Zusammenspiel zwischen Liebe und Freiheit wurden ganze Dramen geschrieben, etwa Shakespeares Tragödie Julius Caesar, die sich mit dem Dilemma des Brutus beschäftigt. Er muss politisch gegen einen Menschen vorgehen, den er liebt, und ihn am Ende sogar ermorden. Dass Liebe und Freiheit im Handeln des Brutus auseinanderfallen, auseinanderfallen müssen, schildert Shakespeare als echtes Problem, als wirkliche Tragödie, mit einem schlechten Ende, nicht nur für Julius Caesar, sondern auch für Brutus und für das Römische Reich.

Dies sind nur zwei vergleichsweise zufällige Beispiele. Die ganze vormoderne politische Diskussion ist durchzogen von Reflektionen über den zwar durchaus schwierigen, aber eben immer vorhandenen Zusammenhang von Freundschaft und Politik, von Liebe und Freiheit also. Der einzige Grund, warum uns das nicht ins Auge fällt ist der, dass wir gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Männern nicht mehr als „Liebesbeziehungen“ identifizieren, weil wir Liebe auf den sehr engen Bereich intimer Paarbeziehungen reduziert haben.

Vielleicht muss ich nun doch ein Wort dazu sagen, was ich unter Liebe verstehe. Das Problem ist, dass sich Liebe nicht definieren lässt, denn sie existiert nicht abstrakt, sondern nur im konkreten Fall. Wir haben uns allerdings angewöhnt, Regeln für das aufzustellen, was wir als „richtige“ Liebe gelten lassen, zum Beispiel, dass sie heterosexuell ist, dass dabei Sexualität nicht nur eine Rolle spielen kann, sondern auch praktiziert werden muss, wenn es richtige Liebe sein soll, dass Liebe unvergänglich ist und so weiter. Fast alle Bücher über die Liebe versuchen eine Kategorisierung – unterscheiden etwa zwischen Paarliebe, Mutterliebe, Selbstliebe oder zwischen Verliebtsein und „reifer“ Liebe und so weiter. Natürlich haben all diese Unterscheidungen eine gewisse Plausibilität, ich glaube aber, dass sie unser Nachdenken über Liebe eher behindern als fördern. Denn ich glaube, dass der eigentliche „Kern“ der Liebe bei allen ihren Erscheinungsformen derselbe ist.

Eine schöne Beschreibung dafür habe ich in Annemarie Schwarzenbachs Erzählung „Eine Frau zu sehen“ aus dem Jahr 1930 gefunden. Die Erzählerin beschreibt, wie sie im Fahrstuhl einer unbekannten Frau begegnet: „Ich erstaune vor der schönen und leuchtenden Kraft ihres Blickes, und nun begegnen wir uns, eine Sekunde lang, und ich fühle unwiderstehlich den Drang, mich ihr zu nähern, herber, schmerzlicher noch, dem ungeheuren Unbekannten zu folgen, das sich wie Sehnsucht und Aufforderung in mir regt.“

Liebe ist eine Art und Weise, sich in Beziehung zu setzen, und zwar eine, die nur teilweise etwas mit dem Verstand und der Vernunft zu tun hat. Sie ist eine Folge unseres Begehrens, das für uns selbst nur teilweise verfügbar ist, deshalb wurde früher, als darüber noch diskutiert wurde, häufig auch gesagt, dass man Liebe erleidet, sich ihr hingeben muss. Liebe ist kein Gefühl, sondern ein Ereignis, wie Hannah Arendt es formuliert hat, und Annemarie Schwarzenbach es so poetisch schildert.

Liebe heißt nicht, jemanden oder etwas sympathisch oder nett zu finden, sondern sich in eine begehrende Beziehung dazu setzen, was mit Emotionen, mit körperlichen Erregungen, vor allem aber mit Interesse zu tun hat im wörtlichen Sinn von Inter-Esse, es ist etwas zwischen uns, das uns, obwohl wir zwei sind, verbindet. Es gibt eine Verbindung zwischen mir und ihr, zwischen mir und ihm – ein Band, das den undefinierbaren Namen „Liebe“ trägt und das dieser Beziehung einen bestimmten Charakter gibt.

Meine Frage ist nicht: Wie fangen wir an, zu lieben? Denn ich behaupte, wir alle lieben sowieso, weil Liebe sich immer ereignet. Meine Frage ist vielmehr: Wie gehen wir mit diesem Ereignis um? Wenn uns so etwas geschieht, wie der Frau in Schwarzenbachs Erzählung: Dass wir einer schönen und leuchtenden Kraft begegnen, dass wir erstaunt sind und den unwiderstehlichen Drang fühlen, uns ihr zu nähern: Was machen wir dann? Nehmen wir das ernst? Haben wir das politisch auf dem Radar? Gewinnen wir daraus Freiheit, Mut und Stärke? Oder halten wir das für eine Nebensächlichkeit, eine Versuchung, gar eine Schwäche?

Die Liebe, die sich ereignet, ist gestaltbar, auch wenn wir sie nicht in der Hand haben. Liebe kann sich auf andere Menschen richten, aber im Übrigen auch auf Dinge, auf Länder, auf die Heimat, auf Werke, auf Gott. Sogar auf unsere Feinde, um eine andere große Denkschule zu zitieren, für die die Liebe eine Vorbedingung der Freiheit war, das frühe Christentum.

Eine Liebesbeziehung ist niemals formalisierbar, niemals in Rechtsbegriffen zu fassen, ihre Dauer ist ungewiss und sie ist doch verbindlich, sie setzt Energien frei und ist eine große Motivation, und vor allem eine Motivation dazu, Differenzen nicht als Graben, als Grenze zu sehen, sondern sie überbrücken zu wollen. „Dem ungeheuren Unbekannten zu folgen“, wie Annemarie Schwarzenbach schreibt.

Gerade dieser Aspekt der Liebe ist es, der heute wichtiger denn je ist, wo wir angesichts einer globalisierten Welt mit der Frage der Differenzen auf politischem Gebiet so sehr zu kämpfen haben. Die Frage, wie universale Werte zusammengehen könnten mit kulturellen Differenzen ist ja die große ungelöste Frage unserer Zeit, und die Antworten, die gegeben werden, bewegen sich immer auf der Ebene der Ausbalancierung, des Mehr oder Weniger: Wo dürfen die „Anderen“ ihre Eigenart behalten und wo müssen sie sich den „allgemeinen“ Regeln anpassen? Aus der Perspektive der Liebe stellt sich die Frage anders: Wo finden wir die anderen so erregend, faszinierend, herausfordernd, dass wir gerne eine Beziehung zu ihnen haben möchten, obwohl unsere Interessen gegensätzlich sind und wir ihre Meinungen nicht teilen?

Ich glaube, diese Frage ist heute wichtiger geworden, als sie früher war, weil wir heute weniger als früher gezwungen sind, uns mit den Anderen überhaupt abzugeben. Die neuen Informationstechnologien machen es möglich, uns nur noch mit Gleichgesinnten zu umgeben. Früher bekamen wir die ganze Zeitung geliefert, inklusive all jener Themen und Berichte, die uns gar nicht interessieren, wie Fußballergebnisse oder neue Forschungen der Astralphysik. Heute können wir Newsgroups im Internet abonnieren, die uns nur jene Nachrichten in die Eingangsbox spülen, die auf unser Interessensgebiet passen. Wir leben nicht mehr in kleinen Dörfern, wo wir uns notgedrungen auch mit Leuten auseinandersetzen müssen, deren Lebensstil und Lebenshaltung dem unseren völlig konträr sind. Heute leben wir in großen Städten und sind geografisch mobil, sodass wir uns nur mit Unseresgleichen abzugeben brauchen. Wir diskutieren in Mailinglisten mit den Leuten, die eine ähnliche Meinung vertreten. Und bevor wir uns mit einem möglichen Beziehungspartner überhaupt nur treffen, haben wir schon all jene Kriterien ausgeschlossen, von denen wir meinen, sie kämen für uns nicht in Frage: Das falsche Einkommen, das falsche Gewicht, der falsche Beruf. Toleranz kann in dieser Situation nicht mehr die Gemeinsamkeit stiftende Tugend sein, denn von den „Anderen“ erfahre ich ja nur noch medial vermittelt, konkret kommen sie in meinem Leben immer seltener vor.

Es gibt eine schöne Geschichte in dem Buch Jauche und Levkojen von Christine Brückner, die das anschaulich macht. Darin beschreibt sie das Leben in Pommern vor dem Zweiten Weltkrieg auf einem abgelegenen Gut. Dort lebt zurückgezogen ein alleinstehender Mann, der Gutsinspektor. Und jede Hauslehrerin, die auf dieses Gut kommt, verliebt sich in ihn. So ein geringes Angebot an möglichen Liebespartnern erscheint uns heute absurd, wo wir im Internet das Profil von tausenden Kandidaten durchstöbern können und dann den herauspicken, der am besten unseren Anforderungen entspricht.

Wenn unser künftiger Liebespartner hundertprozentig zu uns passt, so bilden wir uns ein, dann werden wir ihn auch lieben. Eine Logik, die sich nicht sonderlich von der Praxis der arrangierten Ehen in anderen Kulturen unterscheidet, wo die Eltern sich ja auch bemühen, einen möglichst „passenden“ Kandidaten zu finden. Und wenn die Profile hundertprozentig zueinander passen, so meint man hier wie dort, ist Liebe eigentlich nicht mehr nötig, denn das eigene Interesse, das perfekte Zusammenspiel, ist doch Motivation genug.

Das befreiende und erregende an der Liebe ist aber doch, dass sie eine Beziehung jenseits von nützlichen Gründen, gemeinsamen Interessen und dergleichen stiften kann. Oder, wie das Beispiel der Hauslehrerinnen in Ostpommern zeigt: Je kleiner das Angebot an „passenden“ Beziehungsobjekten ist, desto offener sind wir dafür, uns auch in ein „unpassendes“ zu verlieben.

Damit will ich nicht sagen, dass die Lage der Hauslehrerinnen in Ostpommern ein idealer Fall ist. Sicher ist es schön, wenn in der Liebe auch Interessen und Nützlichkeiten zusammenfallen. Es ist aber dann schwerer, zu merken, wenn das Eigentliche der Liebe, die Offenheit für das Andere, das wirkliche Inter-Esse an der Person (und nicht in ihrem Nutzen für mich) fehlt. In der Literatur kennen wir das von dem alten Dilemma der Reichen: Liebt sie mich wegen mir? Oder weil ich mal die Fabrik erbe?

Das Problem ist, dass das heute offenbar viele gar nicht mehr als ein Dilemma sehen. Was soll so schlimm daran sein, wenn ich wegen meines Nutzens geliebt werde? Ist das nicht ein verlässlicheres Band als diese vage Erregtheit, dieses unkalkulierbare Ereignis der Liebe?

Eine großartige Abhandlung zu diesem Paradoxon, das genau den Spannungspunkt zwischen Liebe und Freiheit markiert, hat übrigens Platon geschrieben. In seinem „Phaidros“ behandelt er die interessante Frage, ob wir unsere Gunst einem Bewerber schenken sollen, der in uns verliebt ist, oder lieber demjenigen, der die vernünftigsten Gründe für eine Beziehung anführt. Sokrates plädiert hier in einer Hommage an Eros für den „Rausch“ des Verliebtseins, der gegenüber der nutzenrationalen Betrachtung die bessere Wahl sei, jedoch mit einer Bedingung: Dass nämlich dieser erotische Rausch seine Ursache nicht in den körperlichen Trieben hat, sondern „durch göttliche Schickung entsteht“.

Damit weist Platon auf einen Faktor hin, der für die Liebe in der Tat wichtig ist, wenn sie Freiheit ermöglichen soll: die Transzendenz. Denn das ist der Grund für die Unverfügbarkeit der Liebe. Dieses Ereignis, dass wir lieben oder geliebt werden, ist nicht einfach nur ein banaler Zufall oder gar ein Ausstoß irgendwelcher Hormone oder Triebe, sondern es verweist auf etwas Jenseitiges, eine Transzendenz, auf Gott – auf einen Maßstab also, über den wir immanent, innerweltlich nicht verfügen können. Wo geliebt wird, weht der Heilige Geist, könnte man sagen.

Jene Institution hingegen, die wir heute im Allgemeinen als selbstverständlichen Ort der Liebe denken, nämlich die Ehe, spielte in der antiken und vormodernen Debatte über die Liebe überhaupt keine Rolle. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau hat nach damaliger Vorstellung mit Liebe aber auch gar nichts zu tun – und das ist auch logisch, denn die Ehe ist ja ganz offensichtlich eine Zweck- und Interessensgemeinschaft und als solche auf Liebe nicht angewiesen. Es gibt aus früheren Jahrhunderten regalweise Abhandlungen darüber, warum Ehe und Liebe nicht zusammenpassen und nichts miteinander zu tun haben, und häufig wurde das dann noch erweitert dahingehend, dass die Autoren meinten, dass Frauen und Männer sich nicht lieben könnten oder, noch genauer: dass Frauen nicht liebenswert seien.

Dies änderte sich jedoch mit der Moderne, und im Bezug auf die Liebe ergab sich im 18. Jahrhundert eine wichtige Verschiebung: Spätestens seit der Romantik wurden Frauen in den Liebesdiskurs integriert. Erstmals wurden Frauen nun auch in einem männlichen Diskurs als Gegenüber in Betracht gezogen, als liebenswert, als interessant, als Objekt des männlichen Begehrens, und zwar nicht nur innerhalb der Ehe, sondern auch in außerehelichen Beziehungen, das nannte man dann „platonische“ Liebe. Auf Platon komme ich gleich noch. Aber es entstand nun auch die Idee, dass Mann und Frau in der Ehe nicht nur gemeinsam wirtschaften, Kinder zeugen und allgemein ihr Leben organisieren sollen, sondern dass sie sich auch lieben.

Allerdings passierte gleichzeitig etwas geradezu Tragisches. Denn die damals neu entstehenden demokratischen Ideen schlossen trotzdem die Frauen aus dem Bereich des Politischen aus. Man könnte es auch so sagen: im selben Moment, in dem die Liebe heterosexuell wurde, wurde die Politik männlich-homosexuell. Und damit begann der Abstieg der Liebe in den Bereich des Privaten, ihr Ausschluss aus der Öffentlichkeit, so entstand die Idee, dass Liebe und Politik nichts miteinander zu tun hätten. Und in diesem Konglomerat entstand dann eine höchst verhängnisvolle Idee, die die Bedeutung der Liebe vollkommen auf den Kopf stellte: Nämlich die Vorstellung von der Liebe als Verschmelzung, als Eins-Werden.

Dies war vermutlich notwendig, um die merkwürdige Spaltung zwischen Hochschätzung der Frauen als Liebespartnerinnen auf der einen Seite und ihrer gleichzeitigen politischen Entrechtung auf der anderen zu legitimieren: Denn nur wenn Mann und Frau in der Ehe eins werden, ist es zu rechtfertigen, dass die Frau politisch nicht in Erscheinung treten darf. Wenn das Paar als Einheit gedacht wird, braucht es im öffentlichen Bereich der Politik nur einen einzigen Repräsentanten: den Mann.

Für die Liebe hatte das fatale Folgen. Sie gilt seither nicht mehr als eine Beziehung unter Verschiedenen, sondern im Gegenteil die Aufhebung und Auslöschung jeglicher Differenz.

Es geht mir nicht um die Frage, wer Schuld an dieser Entwicklung hat und wie genau es dazu gekommen ist, obwohl es interessant wäre, dies einmal genauer zu untersuchen. Wichtig ist an dieser Stelle, welche Folgen sich aus diesem Dualismus ergeben.

Der öffentliche Bereich der Politik, in dem die Liebe nun keine Rolle mehr spielte, entwickelte sich nämlich nun hin auf eine Theorie der Rechte. Nicht die konkrete Beziehung, sondern ein abstraktes, übergeordnetes und von der konkreten Situation gerade absehendes Recht sollte von nun an die Beziehung unter Verschiedenen regeln. Sicher hatte diese Entwicklung wichtige positive Seiten und Aspekte, die ich keinesfalls leugnen möchte: In einem Rechtsstaat zu leben schränkt Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse ein. Die Idee der Gleichheit brachte die Idee der Menschenrechte und des Schutzes von Minderheiten hervor und so weiter. Ich muss das nicht näher ausführen, denn wir sind hier wohl alle einer Meinung. Die von mir vorgeschlagene und befürwortete Rückkehr der Liebe in die Politik soll keinesfalls ein Gegenmodell zu den Errungenschaften der Moderne sein.

Worum es mir geht ist vielmehr, zu zeigen, dass durch die einseitige Fokussierung auf die Rechte ein Problem auftrat, das mit der Logik der Rechte alleine nicht zu lösen ist, nämlich der Umgang mit der Ungleichheit. Die Logik der Rechte muss von der Gleichheit aller Menschen ausgehen, das ist ihre Voraussetzung. Allerdings ist diese Gleichheit aller Menschen ja nur eine abstrakte Annahme, eine Vereinbarung, und keineswegs die Realität. Die reale Ungleichheit der Menschen bleibt bestehen. Die moderne Lösung dafür war, diese Ungleichheit quasi in die häusliche Verantwortung der Frauen zu geben, das Ganze als vorpolitischen Bereich zu definieren und sich darauf zu verlassen, dass die Frauen es schon irgendwie organisieren und lösen.

Eine Zeitlang hat das auch mehr oder weniger funktioniert, allerdings um den Preis der Unfreiheit der Frauen. Diese Zeiten sind heute aber zu Ende. Die Emanzipation der Frauen im 20. Jahrhundert hat eine grundlegende Veränderung der Institution der Familie nach sich gezogen, die wir, so meine ich, in ihren Auswirkungen noch nicht richtig erfasst haben. Frauen gelten heute als Gleiche der Männer, haben also gleichberechtigten Zugang zur Sphäre des Politischen, sofern sie sich an die männlichen Spielregeln, die dort herrschen anpassen.

Allerdings lässt dies auf der anderen Seite die Frage offen, was nun mit jenem anderen Bereich geschieht, wenn die weibliche Gratis- und Liebesarbeit dort nicht mehr im selben Maß zur Verfügung steht. Das Problem fällt ja sozusagen unter Schlagworten wie Bildungskrise, Pflegenotstand, Werteverlust und dergleichen täglich aus den Zeitungsspalten. Feministische Wissenschaftlerinnen haben diese Frage auch längst erforscht und Vorschläge erarbeitet, die leider im allgemeinen Mainstream wenig zur Kenntnis genommen werden. Das Ergebnis ihrer Forschungen läuft bei allen Unterschieden im Detail immer wieder darauf hinaus, dass dieser damals als „unpolitisch“ definierte Bereich der gegenseitigen menschlichen Fürsorge in der Logik der Rechte nicht organisiert werden kann. Denn wenn es um die Sorge für Kinder, für Kranke für Alte, die Sorge um die körperlichen Bedürfnisse der Menschen geht, haben wir es, wenn man so will, mit der Verwaltung der menschlichen Hilfsbedürftigkeit zu tun. Es geht um die Beziehung zwischen Ungleichen: Mutter und Kind, Alt und Jung, Gesund und Krank. Und für die Beziehung zwischen Ungleichen kann die Politik der Gleichheit und der Rechte keine Antworten haben.

Ich würde es zuspitzen: Zwischen Ungleichen kann nur die Liebe ein Band herstellen, das über Nützlichkeitserwägungen hinausführt. Deshalb ist sie so grundlegend für unsere Freiheit.

Was wir lernen müssen zu denken (und das ist der erste Schritt, um es dann auch in politische Maßnahmen zu gießen) ist folgendes: Der Mensch ist nicht dann frei, wenn er autonom, eigenverantwortlich, unabhängig ist. Der Mensch ist ein grundlegend bedürftiges Wesen. Seine Freiheit muss also eingebunden sein in Beziehungen. Wie müssen Beziehungen sein, damit in ihnen Bedürftigkeit und Freiheit zusammengehen? Damit die Hilfe, die wir von anderen erhalten, uns nicht mehr das Gefühl vermittelt, unfrei zu sein?

Dies ist ja eine große Sorge vieler alter Menschen, die befürchten, ihre Autonomie zu verlieren, wenn sie hilfs- oder gar pflegebedürftig werden. Wir diskutieren das Thema im Rahmen von Pflichten und Moral. Doch wir wissen alle, wie schal Hilfe ist, wenn sie nur auf Pflichtbewusstsein und moralischen Ansprüchen basiert. Wie wäre es, wenn wir die Beziehungen zwischen den Generationen nicht moralisch diskutierten, sondern als Liebesbeziehungen?

Vielleicht muss ich an dieser Stelle doch noch ein paar Worte dazu sagen, was ich unter Freiheit verstehe. Obwohl sich Freiheit ebenso wenig definieren lässt, wie Liebe. Aber ich kann sagen, was Freiheit nicht ist, auch wenn wir uns angewöhnt haben, beides zu verwechseln. Freiheit ist nicht gleichbedeutend mit Freiwilligkeit. Freiwilligkeit, also die Abwesenheit von Zwang, bedeutet nämlich lediglich, unter vorgegebenen Alternativen mir diejenige auszusuchen, die mir am besten gefällt. Freiheit hingegen bedeutet die Offenheit für das, was noch nicht da ist, was mir noch nicht zur Auswahl gestellt wird, was ich vielmehr mit meinem Begehren überhaupt erst in die Welt bringe. Wenn Sie so wollen ist das der Unterschied zwischen einem Computermenü und einem leeren Blatt.

Es gibt heute aber einen starken Trend, sich mit der Freiwilligkeit zufrieden zu geben. Zum Beispiel in der Liebe: Wir meinen, wir wären in der Liebe schon frei, bloß weil wir nicht zwangsverheiratet werden, sondern uns unseren Partner, unsere Partnerin selbst aussuchen. Aber merkwürdigerweise wählen wir dann bei aller Freiwilligkeit doch nur selten das Falsche, das Unvernünftige, das Neue und Andere.

Mit der Verwechslung von Freiheit und Freiwilligkeit geht ein anderer Irrtum einher, nämlich die Vorstellung, Freiheit sei die Abwesenheit von Zwang. Aber ich kann auch als freier Mensch durchaus zu etwas gezwungen sein. Nicht, weil Recht und Gesetz oder die Mode oder der Mainstream mich dazu bringen, freiwillig in das einzuwilligen, was von mir erwartet wird. Sondern insofern ich in der Realität, in der Welt, so wie ich sie vorfinde, eine Notwendigkeit erkenne. Das klassische Beispiel ist die Mutter, die sich um ihr Kind kümmern muss, und die doch ein freier Mensch ist. Sie muss sich nicht um das Kind kümmern, weil andere sie dazu zwingen, weil es ihre Pflicht ist oder weil es gar ein Gesetz dafür gibt, sondern schlicht deshalb, weil die Logik der Situation es erforderlich macht und sie das erkennt.

Es ist evident, dass eine solche Perspektive auch den gegenwärtigen Debatten um die Neuorganisation der Pflege zum Beispiel gut tun würde. Aber es betrifft auch „härtere“ Themen, etwa den Klimawandel. Derzeit ist es ja en vogue, die wirtschaftlichen Schäden der Klimaveränderung in Geld umzurechnen: Wie viele Milliarden wird das unsere Wirtschaft kosten? Das ist eine fatale Tendenz. Denn das Notwendige muss ich auch dann tun, wenn es sich nicht „rechnet“.

Die große Philosophin Simone Weil, die im Februar 100 Jahre alt geworden wäre, hat sich mit diesem Aspekt der Freiheit, die auf uns einen Zwang ausüben kann, beschäftigt. Ihrer Ansicht nach ist Aufmerksamkeit das Wichtigste dabei: Nur wenn ich mit großer Aufmerksamkeit in der Welt bin, werde ich sehen, was getan werden muss, werde ich ihre Notwendigkeiten erkennen und – in Freiheit – entsprechend handeln. Simone Weil kam sogar dazu, in diesen Fällen von Gehorsam zu sprechen. Freiheit ist also gewissermaßen das Gegenteil von Wahlfreiheit und Freiwilligkeit. Leider haben wir nicht die Zeit, uns heute Abend intensiver in das Denken von Simone Weil zu vertiefen, aber vielleicht kann ich Ihnen ein wenig Lust auf die Lektüre dieser zu Unrecht wenig beachteten Denkerin machen.

Nur eine solche Kultur der „liebenden Aufmerksamkeit“ kann uns verletzlichen und hilfsbedürfigten Wesen die Sicherheit geben, die wir brauchen, um frei zu sein. Eine Freundin von mir formulierte das kürzlich so: „Weil Menschen das Notwendige tun, und wir uns darauf verlassen, gibt es Sicherheit.“ Eine solche andere Ethik des „Müssens“, eines Müssens, das auf Freiheit und Liebe gründet und nicht auf Pflichten und Moral, Gesetzen und Zwang, böte die Möglichkeit, die Ungleichheit der Menschen nicht als Hindernis einer guten Gesellschaft zu sehen, sondern als ihre Ressource, ihre Vorbedingung.

Eine ganze Reihe von Philosophinnen hat dazu bereits wertvolle Gedanken entwickelt, die zwar nicht unter dem Begriff der „Liebe“ firmieren, aber meines Erachtens darauf hinführen. Die erste, die ich heranziehen möchte, ist Hannah Arendt, die große Denkerin der Pluralität, die den Begriff der „Gebürtigkeit“, der Natalität – übrigens im Rückgriff auf Platon –in die politische Debatte zurückgeholt hat. Die Tatsache also, dass Menschen nicht als erwachsene, voll funktionstüchtige Wesen in die Welt eintreten, sondern als von einer Frau Geborene. Der Eintritt eines neuen Wesens in das „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“, so Arendt, ist Garant dafür, dass immer wieder Neuanfänge möglich sind, dass Menschen nie im Singular, sondern nur im Plural vorkommen, dass es „den Menschen“ nicht gibt, sondern nur die vielen Menschen, die in ihren gemeinsamen Verhandlungen das Wesen des Politischen gestalten.

Diesen Gedanken der Gebürtigkeit griff die italienische Philosophin Luisa Muraro auf. In ihrem Buch „Die symbolische Ordnung der Mutter“ stellt sie die Beziehungen zwischen Mutter und Kind in den Mittelpunkt der Philosophie. Das Zusammenspiel von Begehren und Autorität, das für die Beziehung zwischen einer Mutter – oder ihrem Ersatz, denn natürlich muss diese Rolle nicht notwendigerweise die leibliche Mutter einnehmen – und ihrem Kind charakteristisch ist, ist kennzeichnend für Differenzbeziehungen schlechthin. Freiheit bedeutet (zum Beispiel aus der Perspektive des Kindes) nicht Unabhängigkeit, sondern das Eingebundensein in eine Beziehung zu einer, die ein „Mehr“ hat, die mich versorgt und nährt, in materiellem wie in geistigem Sinne. Oder anders gesagt: Wohl kaum bei einem anderen Menschen ist es so offensichtlich und augenfällig, dass es nur frei sein kann, wenn es geliebt wird, wie bei einem neugeborenen Baby.

Muraro kritisiert von hier ausgehend das westliche Verständnis von Autonomie und Unabhängigkeit, das notwendigerweise zu einem Unbehagen an der Figur der Mutter geführt hat, insofern die Mutter – und die Erinnerung an unsere Abhängigkeit von ihr – sozusagen ein Stachel im Fleisch der imaginierten und angestrebten „Gleichheit“ der Menschen war. Dies führte in unserer Kultur zu einer Abgrenzung von der Mutter, von der sich zu befreien die erste Aufgabe des erwachsenen, autonomen Menschen war und in der Folge zu einer Abwertung der mütterlichen Tätigkeiten, dem Ausschluss der Frauen aus dem Politischen und ihrem gleichzeitigen Einschluss in den Kerker angeblich „natürlicher“ Weiblichkeit und Mütterlichkeit.

Deutschsprachige Ethikerinnen haben diese Ideen auf Einladung der Schweizer Theologin Ina Praetorius unter dem Titel „Für eine Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit“ in unterschiedlichen Aspekten weitergedacht: Was würde das für die Sozialpolitik, die das Rechtssystem, die Kultur schlechthin, die Ökonomie bedeuten, wenn wir Menschen nicht als autonom und unabhängig denken, sondern als Wesen, die nur frei sind, weil sie in Beziehungen leben? (Verweis auf das Buch)

Ich würde es nun im Hinblick auf diesen Vortrag noch einmal zuspitzen und sagen: Wir sind auf Liebe angewiesen. Liebe ist nicht ein Luxusding, das wir in Form einer gelungenen Beziehung unserer Biografie hinzuzufügen können, sondern diejenige Kraft, die uns Beziehungen ermöglicht, in denen wir gleichzeitig sicher und frei sein können.

Allerdings ist es dafür notwendig, dass wir den Liebesbegriff von der Illusion der Einheit und Verschmelzung befreien. Oder anders gesagt: Wir müssen die Liebe wieder als Differenzbeziehung denken. Wer liebt, gibt nicht die eigene Freiheit auf, verschwindet nicht hinter lauter Selbstaufopferung. Sondern kann im Gegenteil für eine bessere Welt politisch eintreten. Uns zwar so, wie es die Journalistin Maria Terragni das kürzlich formuliert hat: „Mit der Starrköpfigkeit, mit der wir erwarten, dass am Ende immer die Liebe gewinnt, und angesichts der Tatsache, dass wir immer auf der Suche nach etwas sind, das man noch nicht sehen kann, und von dem wir trotzdem sicher sind, dass es da ist.“

Eines ist mir noch wichtig: Ich plädiere  nicht dafür, dass wir eine neue Praxis anfangen. Sondern ich behaupte, genau so funktioniert die Welt längst, nur dass wir nicht in der Lage sind, es zu sehen, weil wir die Liebe zum Tabu gemacht haben. Menschen, die lieben, stoßen schon heute viele Dinge an. Mütter und Väter, die sich aus Liebe zu ihren Kindern für ein besseres Schulsystem einsetzen. Frauen, die gestärkt durch die Beziehungen zu anderen Frauen, für mehr weibliche Freiheit kämpfen. Kinder, die aus Liebe zu ihren pflegebedürftigen Eltern die Krankenhausbürokratie kritisieren. Menschen, die aus Liebe zur Welt für Klimaschutz eintreten oder für eine sozial gerechtere Welt.

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den ich am 27.1.2009 in der VHS Schwäbisch-Gmünd gehalten habe


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From → Grundlegendes

17 Kommentare
  1. Hallo Antje, sehr interessanter Text, nur eine Sache verstehe ich nicht wirklich. Du schreibst:

    „Dies änderte sich jedoch mit der Moderne, und im Bezug auf die Liebe ergab sich im 18. Jahrhundert eine wichtige Verschiebung: Spätestens seit der Romantik wurden Frauen in den Liebesdiskurs integriert.“ Und: „Denn die damals neu entstehenden demokratischen Ideen schlossen trotzdem die Frauen aus dem Bereich des Politischen aus. Man könnte es auch so sagen: im selben Moment, in dem die Liebe heterosexuell wurde, wurde die Politik männlich-homosexuell.“

    Aber war die Politik nicht schon in der Antike „männlich-homosexuell“, sprich durch Männerfreundschaften geprägt gewesen und hatte Frauen darin von jeher eh nichts zu sagen gehabt? Oder wurden Frauen damals nicht als Menschen wahrgenommen (sondern mehr wie Sklaven oder Hausstand) und deswegen mit Begriffen wie Liebe und Freundschaft erst gar nicht in Verbindung gebracht?

    • @Claudia – Sowohl als auch, würde ich sagen. In der griechischen Antike wurden Frauen nicht wirklich als Menschen angesehen. In anderen antiken Kulturen aber schon, da gab es auch Königinnen usw. Ähnlich auch in Europa vor der Aufklärung, natürlich mit unterschiedlichen Ausformungen in verschiedenen Ländern. Aber im Ständesystem und in Monarchien ging Stand letztlich vor Geschlecht, d.h. es gab Königinnen, Äbtissinnen usw. mit viel politischem Einfluss. Nicht „gleichberechtigt“ natürlich, aber doch so, dass Frauen in einflussreiche Positionen kommen konnten, durch Geburt, durch Heirat oder durch Erbschaft. Mit der „Demokratisierung“ und „Gleichstellung“ der Männer wurde das explizit ausgeschlossen und die Teilnahme am Bereich des Politischen klar an das männliche Geschlecht geknüpft. Frauen wurden aufgrund ihres Frauseins allein jegliches Recht auf politische Teilhabe verwehrt (und dabei ging es ja nicht nur um das Wahlrecht, sondern auch z.B. um das Recht, eine politische Vereinigung zu gründen, das in D. erst 1908 aufgehoben wurde – imho das bedeutendere Ereignis als das Wahlrecht).

  2. Sammelmappe permalink

    Ein großartiger Text über ein essentielles Thema.

  3. Wunderbarer Text liebe Antje!

  4. mandyapfel permalink

    Freiheit und Liebe sind zwei Begriffe, die es verdienen, dass man sich mit ihnen beschäftigt und sich für sie interessiert.
    Danke, hat Spaß gemacht den Beitrag zu lesen.

  5. Anna permalink

    Hallo Antje,
    Schön, dass das Buchprojekt nicht nur in der Schublade verschwindet 🙂 Spannendes Thema, guter Text!

    Wozu ich gern – jetzt oder später – mehr hören möchte:

    1. Die Notwendigkeit. Theoretisch kann ich Leute in Not links liegen lassen, aber das tun die wenigsten Menschen, wenn sie direkt direkt mit der Not konfrontiert sind. Sie sehen die Notwendigkeit zu helfen. Das ist die Idee, oder? Aber wo hört die Notwendigkeit auf? Muss ich meinem Kind täglich gesundes Essen zubereiten oder tut’s auch mal ein Fertiggericht (aber wie oft)? Wo erkenne ich Notwendigkeit, wo denke ich nur, „das muss ich jetzt tun“, weil ich sozialen Normen folge?

    2. Liebe und Ungerechtigkeit
    Eltern setzten sich aus Liebe zu ihrem Kind nicht nur für gerechtere Schulsysteme ein, sie streiten, beispielsweise erfolgreich in Hamburg, für die (vermeintlichen) Interessen ihrer eigenen Kinder auf Kosten anderer Kinder. Das ist besonders problematisch, weil Liebe seltener soziale Schichten übergreift als dass sie innerhalb dieser verbleibt. Da Einflussmöglichkeiten ungleich verteilt sind ein echtes Problem.
    Dass Liebe parteiisch ist und damit in einem Spannungsverhältnis zum moralischen Gebot der Unparteilichkeit steht, haben Philosoph_innen schon betrachtet (müsste nachgucken). Ob die Komponente der sozialen Ungleichheit dort auch vorkommt, weiß ich nicht. Glaub’s nicht.

    3. Natürlich noch mehr von den angedeuteten gesellschaftspolitischen Konsequenzen diesen Menschenbild, zum Beispiel: Wer pflegt unsere Eltern? Wer bezahlt dafür (womit)?

    • @Anna – Da zählst du ziemlich genau die spannenden Punkte auf. Zum Thema Notwendigkeit (im Weitesten) habe ich hier schonmal was geschrieben – http://www.bzw-weiterdenken.de/2008/08/uber-das-mussen/ Noch nicht im Zusammenhang mit Liebe direkt, aber geht schon in die Richtung. Wird hier sicher nochmal auftauchen. Und auch dein Punkt 2 ist ein echter Knackpunkt. Meine Intuition ist, dass es sie hier (Liebe vs. Unparteilichkeit) wieder mal um einen dieser falschen Dualismen handelt, von denen unsere philosophische Denktradition so voll ist.

  6. Anna permalink

    Hallo Antje,
    Danke für den link, der Text ist auf die Liste gesetzt 🙂

    Zu Punkt 2: Ich denke, das ist nicht nur ein unglücklicher Dualismus. Mache Probleme, die unter dieser Überschrift verhandelt werden, sind sehr real. Du hast mir mit den Eltern, die für ein gerechtes Schulsystem kämpfen, eine prima Vorlage geliefert 😉

    Manchmal ist es riskant, das zu tun, was für das Allgemeinwohl am besten wäre, wenn es alle tun würden. Wenn nämlich alle anderen ihre Partikularinteressen verfolgen, dann hat sich die Person, die sich einseitig fürs Allgemeinwohl eingesetzt hat, aufgeopfert ohne dabei viel zu erreichen. (Und wenn viele sich fürs Allgemeinwahl einsetzen, dann lohnt es sich auch Partikularinteressen zu verfolgen, weil sich ja genug Leute um das andere kümmern). Wenn alle Partikularinteressen folgen, ist das Resultat aber häufig schlechter als wenn alle kooperiert hätten. Jedenfalls interessieren mich Situationen mit genau dieser Struktur (genannt [Gefangenendilemma). Menschen (und manche anderen Tiere) kooperieren häufig, jedenfalls dann, wenn sie davon ausgehen, dass die anderen es auch tun. Das ist eine gute Sache. Einen entsprechende Kultur sollte gefördert werden.

    Ich glaube, dass Entscheidungen für eine Schule in einer Großstadt (hier, heute) diese Gefangenendilemma-Struktur haben. Dazu setze ich voraus, dass es a) für die Gemeinschaft gut ist, wenn es ein hohen Maß an Chancengleichheit und keine Separation zwischen sozialen Schichten gibt und dass gemeinsames Lernen wesentlich dazu beiträgt. Jedenfalls trägt frühe Segregation der Bildungsbürgerkinder von allen anderen Kindern zum Gegenteil bei. b) dass es tatsächlich für ein Bildungsbürgerkind besser sein kann, in einer Privatschule mit tollem pädagogischen Konzept, engagierten Lehrern und netten, lieben Kindern zu sein als in der Gesamtschule um die Ecke. Wenn aber nur die Kinder der Eltern, die Ressourcen aufwenden, auf die tolle Schule kommen, sind wir bei dem Zustand, der für alle nicht ideal ist.

    Was hat das mit Liebe zu tun? Meine These: Wenn es um sie selbst geht, sind die meisten Leute eher bereit, das Risiko des Kooperierens einzugehen als wenn es um die eigenen Kinder geht. Denn sie ist grundsätzlich risikofreudiger wenn es um das eigene Wohl geht, als wenn es um das Wohl der ihnen Anvertrauten geht.

    Das kann auch gute Folgen haben: so hat ein Prof von mir, [Olaf Müller mal in einer Vorlesung argumentiert, dass schon der Wille, die eigenen Kinder keinem unnötige Risiko auszusetzen, Grund genug für erhebliche Anstrengungen sei, den Klimawandel zu bremsen.

    Wenn wir gewöhnlich in Gefangenendilemma-Situationen kooperieren, bauen wir darauf, dass die anderen auch kooperieren und finden eine misstrauische Haltung ziemlich unsympathisch. Anders sieht es aus, wenn unser Kind die Risiken zu tragen hat. Da betrachten wir das Misstrauen gegenüber anderen als Absicherung des geliebten Kinds. Man will doch kein politisches Exempel auf dem Rücken des Kindes statuieren! Sollte man vielleicht tatsächlich besser nicht. Aber so motiviert uns Liebe manchmal eben doch zu Entscheidungen, die nicht im Sinne des Gemeinwohls oder sozialer Gerechtigkeit sind. Da gibt es eine reale Spannung, gerade wenn bereits privilegierte Menschen besonders gut für die eigenen Familienmitglieder sorgen wollen.

    Sorry, dass es so lang ist.

    • Anna permalink

      P.S.: wie setze ich hier links? 🙂

  7. @Anna – Ja, klar. Das Problem ist real. Aber es ist keine Naturnotwendigkeit, sondern eine Folge, dass wir das dualistisch denken, im kulturellen Gegensatz von Politisch-Öffentlich/Unpolitisch-Privat. Man geht zum Beispiel davon aus, dass für die gerechten Strukturen das Politisch-Öffentliche zu sorgen hat, und das ist die Voraussetzung dafür, dass ich im Privaten meinen egoistischen Interessen nachgehen kann. Dann bleibt am Ende nur die Moral oder das Gesetz, was mich davon abhält, über Leichen zu gehen. Ich denke, es gibt auch andere Möglichkeiten. Wenn „Liebe“ nicht nur etwas Privates ist, sondern ich zum Beispiel auch die anderen Kinder liebe (und nicht nur die eigenen, wenn auch vielleicht nicht auf dieselbe Weise), dann kann ich nicht mehr einfach bei ungerechten Verhältnissen mit den Schultern zucken oder auf „meinem Recht“ bestehen. Aber es ist eine komplizierte Angelegenheit.

    Sieht so aus, als könne man hier im Kommentarfeld keine Links setzen. Ich kann es beim Kommentare moderieren und habe es bei dir gemacht.

  8. Anna permalink

    Erstmal danke fürs Setzen der Links.

    Ich bin noch nicht ganz überzeugt. Ich bin d’accord mit dir, dass die Aufteilung in private und öffentliche Räume schwierig ist, die Schulgeschichte ist ja ein Beispiel dafür, dass eine scheinbar private Handlung sehr politische Konzequenzen hat. Ich finde auch die Idee, dass das Thema der Politik nicht nur das Aushandeln von Rechten und Pflichten sein sollte, spannend.

    Aber ob die „Kultur der ‚liebenden Aufmerksamkeit‘ “ da die Leerstelle füllt? Die Eltern in meinem Beispiel handeln ja nicht egoistisch sondern zugunsten ihres Kindes, aus Liebe zu ihm. Mir wurde, als ich Skepsis bezüglich dieser Entscheidungen andeutete, schonmal Hartherzigkeit vorgeworfen. Und ich glaube, solche Dilemmata bleiben bestehen, auch wenn Menschen nicht an eine Dichotomie zwischen Liebe und Unparteilichkeit oder privat/öffentlich glauben.

    Andere Kinder lieben: klar kann ich Kinder lieben/gern haben, die nicht meine eigenen sind, auch nicht die, die ich großgezogen habe. Aber welche, die ich nicht persönlich kenne? Spätestens da wird mir der Liebesbegriff zu verwässert und ich würde statt dessen (je nach Kontext) von Mitleid, Mitgefühl, Gerechtigkeitsempfinden reden wollen. Gerade wenn du keine klare Definiton für den Begriff vorbringen willst, braucht es Grenzen der Anwendung.

    Aber ich erwarte auch gar nicht, dass diese Knackpunkte in dieser Disskussion gelöst werden 🙂

    • Thomas permalink

      Hi Anna. ( & natürlich auch alle anderen. 8)
      Ich werfe einfach ´mal die Behauptung in den Raum, dass auch die Eltern aus Deinem Beispiel egoistisch (im weiteren Sinne, insbesondere in Bezug auf den Begriff Liebe) handeln.
      – Ich hoffe, dass das jetzt nicht zu abgehoben wird. –
      Ich kann mir soetwas wie den ‚Gefühlskomplex Liebe‘ als eine Vermittlung zwischen rein egoistischen – nur auf das Individuum bezognen – Interessen und den Interessen, die über das Individuum hinaus den Interessen seiner Vermehrung dienen, vorstellen. – Wahrscheinlich merkst Du schon, dass ich mich der Ecke der verzweifelten Biologen zugehörig fühle ^^ – Ich denke, dass man sich, wenn man versucht ‚Liebe zu analysieren‘ – OK, klingt zugegebenermaßsen nich´ so toll… – vieleicht besser ausgedrückt: ‚Liebe aus Intersesse an der Sache zu hinterfragen‘ – Wow, klingt genauso schlecht / ich glaube fast, man kommt um schräge Blicke nicht d´rumherum, wenn man sich derart mit Liebe beschäftigt ^^ – keinen Gefallen tut, sie mit Altruismus gleichzusetzen. Ich denke, dass die von Dir aufgezeigte Abstufung ( Mitleid, Mitgefühl, Gerechtigkeitsempfinden ) sich gut in erster Annäherung in soetwas wie ‚gemäß dem Verwandheitsgrad empfundene Liebe‘ überführen lässt. Das Gedankenkonstrukt der „Kultur der ‘liebenden Aufmerksamkeit’“ kann ich mir erschließen, indem ich mir vorstelle, dass sich im Verlauf der Entwicklung der menschlichen Kultur, in der die Weitergabe von Ideen eine immer größere Rolle spielt, sich die Trennung zwischen selbst & fremd immer mehr von der rein genetischen Komponente entkoppelt.
      Im Grunde handeln also auch diejenigen Eltern immer noch quasi-egoistisch, die fremden Kindern gegenüber, die zur Gesellschaft ihrer Kinder gehören, wohltuendes Verhalten an den Tag legen, da der einzelne Mensch, ohne Gesellschaft, nicht mehr lebensfähig ist.
      Hmmm, ich hoffe einfach ´mal, dass diese Sicht der Dinge hier nicht als zu abwegig angesehen wird… & wollte noch gesagt habe: schreibt bitte weiter so lange Texte. Is´ toll, sie zu lesen. (8)

  9. Monika permalink

    „die Transzendenz. Denn das ist der Grund für die Unverfügbarkeit der Liebe. Dieses Ereignis, dass wir lieben oder geliebt werden, ist nicht einfach nur ein banaler Zufall oder gar ein Ausstoß irgendwelcher Hormone oder Triebe, sondern es verweist auf etwas Jenseitiges, eine Transzendenz, auf Gott – auf einen Maßstab also, über den wir immanent, innerweltlich nicht verfügen können. Wo geliebt wird, weht der Heilige Geist, könnte man sagen.“

    So sieht es aus. So fühlt es sich an. So muß es nicht sein.

    Rollen wir auf was wir gesichert wissen: „Unverfügbarkeit der Liebe. … dass wir lieben oder geliebt werden, … verweist auf etwas … über den wir … nicht verfügen können“. Das in Verbindung mit dem GROSSARTIGEN Gefühl, läßt uns an etwas Größeres als Zufall, an Heiligkeit, an Gott denken. Sicher ist nur, daß es etwas ist, über das wir nicht _verfügen_ können. Etwas, das wir nicht machen können, nicht erzeugen und kaum wieder abschalten. Wir können es uns auch nicht erklären, weil die inneren Ursachen dafür, falls es sie gibt, uns auf jeden Fall verborgen sind.

    Wir haben ein ergreifendes Erleben in uns, das wir nicht erzeugt haben, über das wir keine Macht haben. Und, darf ich von mir aus verallgemeinern, was wir nicht missen wollen.

    Mehr an Tatsachen ist nicht.

    Um das zu erklären braucht es nicht Überweltliches – allein das Ungewußte reicht aus. Wir wissen nicht und nie über den Grund unserer Gedanken Bescheid. Der Brunnen wäre sonst endlos tief. Dieses logische Loch stopfen wir mit grundloser Gewissheit – wir mögen es nicht, unbegründet Bescheid zu wissen.

    —-

    Abgesehen davon, ich habe den Beitrag erst halb gelesen. Er ist gehaltvoll, bis jetzt und so hoffe ich auch die zweite Hälfte. Im Moment, ohne noch genaueres Überprüfen, könnte es sein, in diesem Beitrag steckt ein Missing Link für mein Weltgebäude im Aufbau, das dritte meines Lebens. Eigenlich wächst sowas organisch und hernach zeichnen wir die Pläne. Also ein Missing Link um mir meine dritte Seinsart zu erklären.

    Wenn ich aus der Liebesbeschreibung das Göttliche rausnehme, mindert das den Wert, die Brauchbarkeit der Liebe als Handlungsgrundlage oder als Ziel nicht. Absichtlich schreibe ich nicht davon, die Transzendenz aus der Erklärung zu entfernen. Zwar wird Transzenden verstanden als Terra incognita und Bindeglied zwischen der dinglichen Wirklichkeit und dem Göttlichen – doch könnte sie auch der Bereich der grundlosen Gewissheit, das gestopfte Loch sein.

    —-

    Der erste Satz den ich schreiben wollte war etwas pathetisches, zustimmendes, begeistertes. Ich bin begeistert. Den Wert, Gehalt von Begeisterung und Zustimmung habe ich die letzten Jahre erkannt, gewonnen. Schriftlich ist ein Gedanke von Wert, ein Gedicht, Poesie zwischen den Zeilen. In alte Gewohnheiten verfällt man zu leicht auch wieder. So gebe ich denn das Geschenk einer Kritik als Gegengabe zu Deinem wunderbaren Beitrag, der ersten Hälfte.

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