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Let’s talk about love!

25. April 2011

Es ist unglaublich, wie viele Bücher über die Liebe geschrieben wurden und immer noch werden. Durch die Jahrtausende hinweg haben fast jeder große Philosoph und auch viele Philosophinnen (wenn auch, meiner bisherigen Beobachtung nach, weniger) ein Buch über die Liebe im Portfolio. Und auch heute ist der Markt an Liebesliteratur – und zwar nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher – schier unüberschaubar.

Dieser Befund steht in einem sehr merkwürdigen Widerspruch zu der Tatsache, dass „Liebe“ im öffentlichen Diskurs praktisch keine Rolle spielt. Weder in der Bildung, noch in der Politik, noch in der Wirtschaft ist „Liebe“ eine relevante Kategorie. Die wesentliche Ursache dafür ist natürlich, dass „Liebe“ mit der bürgerlichen Aufspaltung der Gesellschaft in eine männlich-öffentliche und eine weiblich-private Sphäre in letztere einsortiert wurde. Aber es gibt wohl noch einen anderen Grund und zwar, dass sich das Sprechen über Liebe den Sprechgewohnheiten, wie sie sich für den öffentlichen Diskurs eingebürgert haben, entzieht.

Denn was ist eigentlich Liebe genau?

Für Ovid und Erich Fromm ist sie eine Kunst. Glaubt man den vielen Ratgeberbüchern, so scheint sie eher harte Arbeit zu sein. Oder auch ein Luxus, den man sich erst dann leisten kann, wenn die Karriere in trockenen Tüchern ist. Niklas Luhmann hält die Liebe für einen Code, Sigmund Freud erkannte in ihr (wie übrigens auch schon manche alten Griechen) eine Krankheit. Harry Frankfurt und Frank Schirrmacher halten sie für eine evolutionär herausgebildete Notwendigkeit menschlicher Gesellschaften.

Unübersehbar ist das Sprechen über Liebe zudem geschlechtlich konnotiert. Man kann über Liebe nicht sprechen, ohne gleichzeitig über die Geschlechterdifferenz zu sprechen. Das heißt aber nicht, dass der Befund einheitlich wäre. Robin Norwood landete mit der Behauptung, Frauen würden „zu viel“ lieben, nicht zufällig einen Bestseller. Die allgemeine Auffassung scheint in der Tat dahin zu gehen, dass Frauen zu viel und Männer zu wenig lieben. Doch es gibt auch die genau gegenteilige Diskurslinie. Ihr herausragender Protagonist ist ein mittelalterlicher Denker namens Andreas Capellanus: Seiner Ansicht nach lieben Frauen eigentlich nie, sondern sind immer nur hinter dem Geld der Männer her. Eine Stimme, die, auch wenn der Autor heute meistens unbekannt ist, doch eine enorme Wirkungsgeschichte entfaltet hat. Heute feiert sie unter Maskulinisten wieder fröhliche Urstände.

Ein anderer interessanter Streit rankt sich um die Frage, ob Liebe zeitlos oder historisch veränderbar ist. Während viele behaupten, die Regeln des „Spiels der Liebe“ hätten sich „seit Ovid nicht verändert“ (so das Cover zur Neuauflage seines Buches), so behaupten andere, wir heutigen Menschen wüssten eigentlich gar nicht mehr, was Liebe ist, weil wir viel zu egoistisch, konsumorientiert und materialistisch eingestellt wären. Eine nicht unwesentliche Diskurslinie sieht natürlich auch den Feminismus in der Schuld, der den Frauen ihre „natürliche Liebesfähigkeit“ ausgetrieben hätte.

Letzten Endes könnte man versucht sein, sich darauf zu einigen, dass sich Liebe eben nicht fassen lässt. Diesem wohl allzu leichtfertigen Konsens widerspricht aber unter anderem bell hooks, und zwar zu recht, denn er ermöglicht es, dass Verhaltensweisen unter „Liebe“ subsumiert werden, die ganz eindeutig keine Liebe sind: etwa die (sowohl unter Männern als auch unter Frauen) verbreitete Behauptung, man könne die „Geliebte“ schlagen, bevormunden, gar einsperren – und gleichzeitig lieben.

Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, über Liebe zu sprechen ohne dass es beliebig wird, aber dennoch auch ohne den Versuch, sie in eine Definition zu zwängen. Liebe, um es mit Hannah Arendt zu sagen, ist ein Ereignis. Oder, mit Andrea Günter: Liebe ist eine Beziehungsqualität. Ein Geschehen, das sich einfachen Definitionen entzieht, über das sich aber durchaus sprechen lässt.

Die Schwierigkeit, Liebe zu definieren, kommt daher, dass sie keine Dualismen verträgt. Das Gegenteil stimmt immer auch. Und das Gegenteil ist immer genauso falsch.

Jedenfalls ist ein wissenschaftlicher Jargon für das Sprechen über die Liebe ungeeignet, denn sie lässt sich nicht sauber sezieren und falsifizierbar identifizieren. Über Liebe kann man nur in der  Muttersprache sprechen. In jener Sprache also, mit der wir uns die Welt aneignen und die eigene Position darin finden, auch wenn wir die Dinge nicht auseinander nehmen und im  Griff haben. Kinder lernen die Worte für Dinge auch nicht über Definitionen. Die Erwachsenen sagen dem Kind ja auch nicht: „Ein Stuhl ist eine Sitzgelegenheit mit ungefähr vier Beinen und einer Lehne“, sondern sie zeigen auf einen Stuhl und sagen: „Das ist ein Stuhl“.

Liebe ist eine Tatsache. Es gibt sie. Sie ist zuweilen anwesend, zuweilen aber auch abwesend. Und auch wenn man Liebe nicht definieren kann, so lässt sich doch zumeist in einer gegebenen Situation feststellen, ob da Liebe ist. Man kann sich an der Liebe freuen, sich von der Liebe stärken lassen, über ihr Fehlen traurig sein, sie sich ersehnen.

Vor lauter Verzweiflung über diese Unfassbarkeit der Liebe wird sogar versucht, das Phänomen biologistisch in den Griff zu bekommen, wie aktuell wieder an der Uni Erlangen. Aber Liebe ist keine Sache, die sich mit Hilfe von Hormonen oder anderen rein körperlichen Phänomenen fassen ließe – auch wenn sie natürlich eine durch und durch körperliche Angelegenheit ist, was ja gerade einen Großteil ihres Charmes ausmacht. Aber das, was wir für Liebe halten, existiert eben niemals ausschließlich im Körper, sondern es ist immer schon das Ergebnis eines kulturellen Aushandlungsprozesses, ohne den sich das Thema nicht sinnvoll beschreiben lässt. Um es in den zu recht berühmten Worten von Denis de Rougemont zu sagen: „Wenige Menschen wären verliebt, wenn sie niemals von Liebe hätten reden hören“ (S. 181)

Liebe ist kontingent, es gibt sie nicht „an und für sich“, sondern nur in einer konkreten Situation. Aber deshalb entzieht sie sich noch nicht der theoretischen Reflektion. Liebe ist kontingent, „zufällig“, aber sie ist nicht einfach eine individualistische, persönliche Angelegenheit, sondern eine politische, gesellschaftliche Kategorie. Und genau dort, in den öffentlichen Aushandlungsprozessen, müsste mehr von Liebe zu spüren sein.

Daher: Let’s talk about love!


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From → Grundlegendes

26 Kommentare
  1. ich permalink

    ich bin immer ganz verliebt, wenn ich sowas lese …

    Ich finde die meisten Bücher dazu sehr überflüssig, speziell auch das von Precht, das ich leider durchgeackert habe. (Sonst finde ich Precht prächtig. Zum Verlieben).
    Alles Wesentliche hat Erich Fromm aufgeschrieben, vor allem im Kapitel über die Unmöglichkeit der Liebe im Kapitalismus (oder so ähnlich, ich kann das Buch gerade nicht finden).

  2. liebe antje,
    zumindest in meinem religionsunterricht damals in der oberstufe war das sehr wohl so, dass wir alle untereinander und mit dem lehrer verschiedene gesichter der liebe beobachteten, entwarfen, hitzig diskutierten. das war ein geschenk für uns laien von uns laien, von denen es ruhig mehr geben dürfte. neulich schrieb ich, angeregt durch die frage eines followers an mich, was denn liebe ausmache, eine theoretische, persönliche auseinandersetzung dazu, aus der eine angeregte diskussion entstanden ist: http://meinwaerts.wordpress.com/2011/04/07/zwei-beleuchtete-gesichter/ vielleicht darf sie den diskurs bereichern. auch dazu, was für mich bedingungslose liebe ausmacht, habe ich gedanken zu papier gebracht: http://meinwaerts.wordpress.com/2011/04/04/bedingungslosgezogen/ ich finde es wichtig, wenn wir menschen uns zwar auch unseren gefühlen und empfindungen hingeben, aber uns ihnen nicht ausliefern, sondern sie in uns und anderen gegenüber hinterfragen. in diesem sinne kann ich nur unterschreiben: “let’s talk about love!“ falls du da links zu konkreteren ideen von dir über die liebe hast, würde ich mich freuen, wenn du sie hier durchgibst.
    lilith

  3. Ja da bin ich aber froh, das ich, obgleich ich so etwas spannend finde, für mein Leben keine genauere Definition brauche als meine wissenschaftlich sicher unsäglich schwammige, für mich aber unglaublich präzise: Liebe ist für mich dann im „Spiel“, wenn mein Herz „ping“ macht. Dä!

  4. Ein kurzer Gedanke dazu: Über Liebe kann man nur reden, wenn man geliebt hat und liebe(n) macht verletzlich, was das Reden darüber so schwierig macht (da man nur aus Erfahrung darüber reden kann, muss man über sich selbst reden).

    Muss auch noch zu deiner Liste: Barthes‘ Fragmente einer Sprache der Liebe.

    • @Jana – Ja, das ist auch ein wichtiger Grund: Über Liebe lässt sich nicht unpersönlich-distanziert sprechen. man spricht unweigerlich über sich selbst. Das ist so ähnlich wie beim Reden über Geschlechter. Man ist immer persönlich „involviert“. Danke für den Literaturhinweis, kommt auf die Liste!

  5. Und möglicherweise: Es ist umso schwieriger, über Liebe zu reden, je weniger man dies mit Hilfe der bereit stehenden, gendertechnischen Diskurshülsen tut (ich denke dabei z.B. an eine Bekannte, die immer von ihrer Hochzeit schwärmte und dem Reden nach ihren Hochzeitsfilm auch drei Jahre danach immer wieder noch anschaute, im bekannten romantischen Diskurs – ich meine hier nicht, dass ihr Liebeempfinden ‚geringer‘ wäre, ich denke, dass es sehr wohl möglich ist, mit Hilfe dieser Hülsen über Liebe zu reden und sie dabei auch so zu empfinden. Wenn ich mich nicht irre, ist das auch, was Luhman meinte mit seiner Idee von Liebe als symbolisch generalisiertem Kommunikationsmedium.).

    Wenn die verfügbaren Gender-Hülsen aber nicht für einen passen, dann wird es schon schwieriger mit dem darüber Reden. Bestimmendes Thema meiner Teenager-Jahre: Die Irritation über das merkwürdige Verhalten unter den Geschlechtern in meiner Altersgruppe, von dem es scheinbar keine ‚vernünftige‘ Variante gab – meine Ausweg war, mir ein paar Hülsen anzueignen, denn anders konnte man scheinbar keinen EIngang finden in dieses Liebesdings.

    Die Hoffnung wäre allerdings die, dass dort, jenseits, die (Achtung, bewusst pathetisch!) ‚authentischeren‘ Facetten der Liebe zu empfinden sind.

    Was ist das überhaupt für ein merkwürdiger Zusammenhang von Liebe und Authentizität?

  6. Die Liebe ist so vielgesichtig, wie es Menschen auf der Welt gibt.
    Ohne Liebe würden wir sterben wie Blumen ohne Wasser.
    Ja und Bücher über die Liebe? Lesen wir sie nicht am liebsten dann, wenn es gerade mal nicht so gut läuft mit der Liebe?
    Außerdem:(fast) alle Lieder drehen sich um die Liebe und den Liebeskummer.
    Die Liebe läßt uns in den Himmel fliegen und in die tiefste Grube abstürzen.

    Hierzu steht in der Bibel,1 Korintherbrief 13,1-13:

    Das Hohelied der Liebe

    Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, /
    hätte aber die Liebe nicht, /
    wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
    Und wenn ich prophetisch reden könnte /
    und alle Geheimnisse wüßte /
    und alle Erkenntnis hätte; /
    wenn ich alle Glaubenskraft besäße /
    und Berge damit versetzen könnte, /
    hätte aber die Liebe nicht, /
    wäre ich nichts.
    Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte, /
    und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, /
    hätte aber die Liebe nicht, /
    nützte es mir nichts.
    Die Liebe ist langmütig, /
    die Liebe ist gütig. /
    Sie ereifert sich nicht, /
    sie prahlt nicht, /
    sie bläht sich nicht auf.
    Sie handelt nicht ungehörig, /
    sucht nicht ihren Vorteil, /
    läßt sich nicht zum Zorn reizen, /
    trägt das Böse nicht nach.
    Sie freut sich nicht über das Unrecht, /
    sondern freut sich an der Wahrheit.
    Sie erträgt alles, /
    glaubt alles, /
    hofft alles, /
    hält allem stand.
    Die Liebe hört niemals auf. /
    Prophetisches Reden hat ein Ende, /
    Zungenrede verstummt, /
    Erkenntnis vergeht.
    Denn Stückwerk ist unser Erkennen, /
    Stückwerk unser prophetisches Reden;
    wenn aber das Vollendete kommt, /
    vergeht alles Stückwerk.
    Als ich ein Kind war, /
    redete ich wie ein Kind, /
    dachte wie ein Kind /
    und urteilte wie ein Kind. /
    Als ich ein Mann wurde, /
    legte ich ab, was Kind an mir war.
    Jetzt schauen wir in einen Spiegel /
    und sehen nur rätselhafte Umrisse, /
    dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. /
    Jetzt erkenne ich unvollkommen, /
    dann aber werde ich durch und durch erkennen, /
    so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.
    Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; /
    doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

  7. bin_auf_Diät permalink

    Frauen sind gar nicht so oberflächlich wie es immer heißt. Wir verzeihen auch abstehende Ohren und scheußliche Schuhe, 3-Tage-Bärte und eine Vorliebe für warmes Bier.

  8. Irgendwie kann ich dem Ganzen hier, was Liebe ist oder eben nicht ist, nicht wirklich folgen. Vieles wird zitiert bzw. Personen, wie bspw. Erich Fromm erwähnt. Der Rahmen ist die westliche Kultur und ihre tradierten Wertungen der Liebe. Dass die westliche Kultur aber nicht das Maß aller Dinge ist, wird nicht nur durch ihre Wertungen der Liebe deutlich.

    Andere Kulturen haben andere Werte, auch die für Liebe. Der desolate zwischenmenschliche Zustand in der westlichen Kultur war zumindest für mich der Grund, auch die Wertungen der Liebe in Frage zu stellen. Und dabei war auch der Vergleich mit anderen Kulturen hilfreich. Denn wer im selben Topf sitzen bleibt, kann das, was in anderen Töpfen drin ist, nicht sehen.

    Für mich ist Liebe ein ist Zustand. Sie findet statt oder eben nicht. Sie lässt sich weder besitzen noch sonst wie manipulieren. Und genau das, versuchen die Wertungen der westlichen Kultur und scheitern daran.

    Alice Schwarzer hat 1997 eine zornige, polemische und
    vollkommen plausible Abrechnung über Liebe vom Stapel abgelassen,
    die aus feministischer Sicht vor allem immer eines war:

    (..)Opium für das weibliche Volk – jahrhundertelang wohldosiert
    verabreicht, um den Frauen ihre bittere Rolle als Ehefrau, Hausfrau und
    Mutter zu versüßen. Sich ein Leben lang unterorden, eigene Pläne
    ignorieren oder aufgeben, Kinder großziehen, die sie vielleicht gar
    nicht gewollt hat. Einem Mann treu zur Seite stehen, selbst wenn er
    trinkt und brüllt, schlägt oder fremdgeht.
    Das kann man aus Dummheit tun, aus Abhängigkeit, aus Verzweiflung – oder
    eben auch aus Liebe.(..)

    Oder anders: Die Urheber der Liebeswertungen waren wohl hauptsächlich Männer.
    Eine Schelm, wer böses dabei denkt.

    • @Lucia – Ja, da hast du recht, das, was hier als „Liebe“ bezeichnet wird, ist ein reines Produkt der westlich-abendländischen Ideengeschichte. Mir geht es genau darum, diesen Diskurs nachzuzeichnen, also genau genommen weniger um die Liebe an sich (was sie IST), sondern darum, wie in unserer Kulturgeschichte darüber gesprochen wurde. Vielleicht müsste ich das mal zu einem eigenen Post machen. Ich sehe die Sache aber nicht so einseitig negativ wie Alice Schwarzer. Ich halte es da eher mit bell hooks, die die Liebe gerade retten will, indem sie klarstellt, dass Liebe mit bestimmten Verhaltensweisen (Gewalt zum Beispiel) unvereinbar ist. Und: Ja, es ist ein Problem, dass hauptsächlich Männer über die Liebe geschrieben haben. Umso wichtiger ist aber doch, dass Frauen sich kritisch damit beschäftigen?
      Hast du eventuell die Quelle von dem Zitat von Alice Schwarzer? Wo schreibt sie das?

  9. @Antje:

    Das von Alice habe ich in dem P.M. Perspektive / Magazin von 1997 bei meiner Mama vor 2 oder 3 Jahren mal gefunden. Hab mal auf deren Website geschaut, aber kein Archiv gefunden.

    P.M. Magazin

    Wenn du das wie beschrieben aufarbeiten willst, dann wäre es doch sinnvoll, doch darüber ein Buch zu schreiben. So explizit darauf hinweisend, dass das meiste über Liebe von Männern geschrieben wurde, gibt es doch noch nicht, oder doch?

  10. Edit:

    Der Artikel heißt: Die Geheimnisse der Liebe: aufregend und unergründlich

    • @lucia – Ja, der Gedanke, dass das Meiste über die Liebe von Männern geschrieben wurde (jedenfalls bis, sagen wir, 1970) ist irgendwie neu. Ist ja auch kontra-intuitiv, weil man inzwischen gewohnt ist, zu denken, dass die Beschäftigung mit der Liebe „Frauenzeugs“ ist. Aber historisch ist es Männerzeugs :))

  11. @Antje – na also 🙂

    Dann leg mal los 😉

  12. TdF (Theorie der Frau) permalink

    „liebe ist der blick vorbei an der äußerlichkeit eines menschen, auf seine lebenswirklichkeit…“ nie etwas treffenderes gelesen.

  13. liebe sehe ich nicht nur zwischen zwei menschen. es ist auch ein gefühl, dass ich für die welt empfinde und/oder für mich selbst.

  14. iebe sehe ich nicht nur zwischen zwei menschen. es ist auch ein gefühl, dass ich für die welt empfinde und/oder für mich selbst.

    Womit wir beim inflationären Gebrauch des Begriffs Liebe angekommen sind. 🙂

    • @Lucia – seh ich nicht so. Denn ich will zwar den Liebesbegriff ausweiten auch auf andere Sachen als zwischen Menschen (man kann die Welt lieben, die Politik, die Natur, Gott, das Leben, was auch immer), so würde ich doch gleichzeitig den Begriff auch einschränken, also Dinge, die heute „Liebe“ genannt werden, da raus nehmen. Zum Beispiel einen Großteil des romantisierenden Zweierbeziehungs-Kitsches.

  15. Finger weg von meinem Zweierbeziehungs-Kitsch in meiner selbigen Zweierbeziehung! *zwinkert*

    Aber gleichwohl sehe ich es „ansonsten“ genauso. Wenn ich sage, ich liebe meinen Hund, ist das freilich eine andere Liebe, selbst meine Kamera streichel ich zuweilen verliebt, aber dann doch ein Tick anders, als meine Kinder. Von meiner Zweierbeziehung, die ja eher eine 2+2+1+viele ist, ganz zu schweigen. Wir haben nicht immer für jede Nuance ein einzelnes Wort wie angeblich andere Völker für Schnee, aber wir sind wohl zu Nuancierungen und Variationen fähig. Auch beim Wort „Liebe“.

  16. Walburga permalink

    Zum Lobpreis der Liebe aus dem Korintherbrief,
    möchte ich das Gedicht von Erich Fried anfügen

    Was es ist
    Es ist Unsinn
    sagt die Vernunft
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe
    Es ist Unglück
    sagt die Berechnung
    Es ist nichts als Schmerz
    sagt die Angst
    Es ist aussichtslos
    sagt die Einsicht
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe
    Es ist lächerlich
    sagt der Stolz
    Es ist leichtsinnig
    sagt die Vorsicht
    Es ist unmöglich
    sagt die Erfahrung
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe

    Die Wahrheit dieses Gedichtes habe ich in einer langen Beziehung
    erfahren und erfahre sie täglich auf neue.

  17. Walburga permalink

    Danke für die Antwort.Ich schicke dir dann auch einen Text von Kierkegaard, den du vielleicht noch nicht kennst.
    „Was macht einen Menschen groß, zum Wunder der Schöpfung, wohlgefällig in den Augen Gottes?
    Was macht einen Menschen stark, stärker als die ganze Welt, was macht ihn schwach, schwächer als ein Kind?
    Was macht einen Menschen hart, härter als den Fels,
    was macht ihn weich, weicher als das Wachs?
    Es ist die Liebe!
    Was ist älter als alles?
    Es ist die Liebe!
    Was überlebt alles?
    Es ist die Liebe!
    Was kann nicht genommen werden, nimmt aber selber alles?
    Es ist die Liebe!
    Was kann gegeben werden, gibt aber selber alles?
    Es ist die Liebe!
    Was besteht, wenn alles wankt?
    Es ist die Liebe!
    Was tröstet, wenn aller Trost versagt?
    Es ist die Liebe!
    Was überdauert, wenn alles wechselt? Es ist die Liebe!
    Was bleibt, wenn das Vergängliche vergeht?
    Es ist die Liebe!
    Was zeugt, wenn Prophetie verstummt?
    Es ist die Liebe!
    Was erlischt nie, wenn Gesichte schwinden?
    Es ist die Liebe!
    Was erhellt, wenn dunkler Rede Sinn zu Ende?
    Es ist die Liebe!
    Was segnet den Überfluß der Gaben?
    Es ist die Liebe!
    Was gibt der Engel Rede Nachdruck?
    Es ist die Liebe!
    Was wandelt der Witwe Scherflein in Überfluß?
    Es ist die Liebe!
    Was macht des Einfältigen Rede weise?
    Es ist die Liebe!
    Was verändert sich niemals, wenn alles sich ändert?
    Es ist die Liebe!
    Nur die ist die Liebe, sie, die niemals etwas andres wird.“
    S.Kierkegaard
    Natürlich liegt diesem Hymnus der Lobgesang auf die Liebe des 1. Korintherbriefes zu Grunde, aber er spiegelt eine neuzeitliche Weltanschauung wieder und reizt dazu, einen aktuellen Hymnus zu schreiben. Vielleicht finde ich dazu noch einmal die Zeit.
    Walburga

  18. Der Ekelbaron permalink

    Von Luhmanns Buch war ich ziemlich enttäuscht. Er scheint sich nicht festlegen zu können, ob er Liebe weit oder eng (RZB) fasst. Terminologisch macht er ersteres, praktisch versucht er eine Archäologie der RZB-Liebe. Naja… mit einer Theorie, in der sich das Patriarchat bereits abgeschafft hat und die keine Geschlechterdifferenz erkennen kann ist das auch schwierig. Ist im Grunde das selbe wie bei Habermas… Der männlich konnotierte Teil der Gesellschaft (System) wird fachmännisch als rational differenziert und anhand weniger Gesetze erklärbar hingestellt; Die weibliche Sphäre (Lebenswelt) wird dagegen mystifiziert und verherrlicht.

    Normative Liebesbegriffe, die Gewalt ausschließen finde ich naiv. Da wäre ich schon eher bei Alice Schwarzers Polemik… Gesellschaftlich wird durch das Medium Liebe (Im engen Sinn) prinzipiell eine Gewaltbeziehung vermittelt, nicht nur in irgendwelchen fiesen Einzelfällen die man aus dem Begriff ausschließen kann. Dazu kommt die abstrakte Gewalt, die sich die Menschen antun, um sich überhaupt in die Lage zu versetzen in diesem Medium kommunizieren zu können. Es erwartbar zu machen, in seiner (v.A. Geschlechts-)Identität geliebt zu werden ist eine Art zweites Passing, dass auch für Cis-Menschen oft prekär ist. Es ist eine Sache, möglicher Addressat von Kommunikation zu sein. Es ist eine andere Sache, möglicher Addressat von Liebe zu sein. Das gilt in einem weniger (bzw anders) vergeschlechtlichenden Sinne natürlich auch für Freundschafts- oder Eltern-Kind-Beziehungen.

    Aus einer Ego-Perspektive hab ich eher ein melancholisches Verhältnis zu romantischer Liebe. Ich beobachte das in meiner Umwelt, finde es irgendwie drollig, weiß selten, wann ich ermuntern und wann ich warnen soll, und finde am Ende keinen emphatischen Zugang dazu. Ich beobachte das in der Gesellschaft und verstehe es irgendwie, finde in meiner Psyche aber kein Äquivalent dazu, mit dem ich es vergleichen könnte. Dementsprechend betrauere ich sie als eine verlorene Möglichkeit und projeziere gleichzeitig eine diffuse, transzendentale Heilserwartung in die (immer kürzer werdende) Zukunft. Irgendwann trifft sie einen… Da sind sich von Shakespeare bis Disney schließlich alle gängigen Mythen einig. Und ich würde sie freudig willkommen heißen, aus Stolz, dass sie mich endlich gefunden hat. Die ganze Nacht würde ich mit ihr tanzen und Morgens in Ketten aufwachen.
    Ich könnte ihr auch trotzig die Tür vor der Nase zuschlagen. „Ich bin lange genug ohne dich ausgekommen, jetzt kannst du dich auch ganz verpissen.“ Naja… aber das traue ich mich wohl eher nicht.
    Vielleicht würde ich sie auch garnicht erkennen. Wir würden unverbindlich quatschen, wobei ich daran scheitern würde, sie als Person hinreichend einschätzen zu können, um jemals die Ebene des Smalltalks zu verlassen. Irgendwann würde sie sich gelangweilt verabschieden. Vielleicht ist das auch schon passiert.

    Liebe im weiteren Sinne ist andererseits natürlich auch ein wichtiger positiver Begriff für mich. Es gibt Menschen, zu denen ich nie den Kontakt verlieren will und solche, deren Nähe ich oft unwahrscheinlich stark genießen kann. Es gibt Momente, die einfach so voller Bedeutung sind, dass ich die ganze Welt liebe. Welche Motivation sollte ich haben, in dieser komischen Kapitalismus-Patriarchats-Scheiße vor mich hinzuvegetieren, wenn nicht das? Wie sonst sollte ein Lebewesen überhaupt Bedürfnisse entwickeln, die über die bloße biologische Reproduktion des eigenen Körpers hinausgehen?

  19. Es ist umso schwieriger, über Liebe zu reden, je weniger man dies mit Hilfe der bereit stehenden, gendertechnischen Diskurshülsen tut (ich denke dabei z.B. an eine Bekannte, die immer von ihrer Hochzeit schwärmte und dem Reden nach ihren Hochzeitsfilm auch drei Jahre danach immer wieder noch anschaute, im bekannten romantischen Diskurs – ich meine hier nicht, dass ihr Liebeempfinden ‘geringer’ wäre, ich denke, dass es sehr wohl möglich ist, mit Hilfe dieser Hülsen über Liebe zu reden und sie dabei auch so zu empfinden. Wenn ich mich nicht irre, ist das auch, was Luhman meinte mit seiner Idee von Liebe als symbolisch generalisiertem Kommunikationsmedium.)

    Die Hoffnung wäre allerdings die, dass dort, jenseits, die (Achtung, bewusst pathetisch!) ‘authentischeren’ Facetten der Liebe zu empfinden sind.

    Gruss Moni

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