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Mehr Souveränität in Liebesdingen, meine Damen!

28. Januar 2012

Gestern schickte mich das Internet durch diesen Tweet auf ein Video, in dem US-amerikanische Teenager in die Kamera erzählen, was ihnen zu der Fernsehserie „My little Pony“ (eine Art rosafarbene Zeichenfilmidylle mit Ponies und Glitter) einfällt. In dem Zusammenhang wurden die  weiblichen Teenager gefragt, ob sie denn einen Jungen, der so etwas schaut (offenbar gibt es unter dem Label „Bronies“ eine Gruppe von männlichen Jugendlichen, die aus der Serie einen Kult gemacht haben), daten würden: Entrüstetes Kopfschütteln, und zwar bei allen. Sich in einen Mann zu verlieben, der Sendungen von rosa Pferdchen gut findet, ist für sie ganz und gar ausgeschlossen.

Das fand ich nun schon eine schockierende Reaktion. Und zwar nicht in erster Linie, weil hier platte Geschlechter-Stereotypen zementiert werden. Die interessantere Frage finde ich: Wieso schränken diese Mädchen den Pool potenzieller Liebhaber so drastisch ein? Warum setzen sie solche Hürden, mit denen sie sich doch selbst schaden, weil sie niemals in den Genuss einer Beziehung zu einem Mann kommen werden, der zwar rosa Pferdchen mag, aber ansonsten toll im Bett, ein super Gesprächsparter, idealer Kindsvater oder was auch sonst immer sein könnte?

Es erinnerte mich auch an die derzeitigen Feuilleton-Debatten zum Thema „Schmerzensmänner“, die Nina Pauer mit einem Artikel in der Zeit angestoßen hat, für den sie viel Kritik bekommen hat. Ihre These ist unter anderem, dass die jungen Männer von heute in einer Identitätskrise sind, mit ihrer Über-Sensibilität alles zu kompliziert machen und deshalb für Frauen als Liebespartner uninteressant geworden wären.

Dass der Artikel so viel Resonanz gefunden hat, zeigt, dass Pauer damit einen Nerv getroffen hat. Die Kritik, die ihr viele zu Recht entgegen gehalten haben, ist, dass sie hier ein Klischee der jungen Männer von heute zeichnet, das die Realität nicht trifft. Und das finde ich auch. Es ist ein Zerrbild, das sie hier problematisiert, das kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Was aber, wenn das Interessante an Pauers Analyse nicht die Männer betrifft, sondern die Frauen und ihre Wünsche? Wenn ihr Artikel also eigentlich nicht die angeblichen „Schmerzensmänner“ zum Thema hätte, sondern die älteren Schwestern jener Teenager aus dem Video, die es sich so überhaupt gar nicht vorstellen können, mit einem „Rosa-Pony-Jungen“ auszugehen?

Dass Frauen heute strikte Kriterien an mögliche, geeignete männliche Liebespartner anlegen, scheint mir eine zutreffende Beobachtung zu sein. Sie taucht in soziologischen Studien auf (wonach Männer, die den weiblichen Mindestanforderungen an zivile Umgangsformen, finanzielle Eigenständigkeit, intellektuelles Niveau etc. nicht genügen, es extrem schwer haben, eine Partnerin zu finden).

In der frauenemanzipatorischen Periode der letzten dreißig, vierzig Jahre haben wir eine unglaubliche kulturelle Produktion (Filme, Romane, you name it) erlebt, bei der den Frauen eingebläut wurde, dass sie ja nicht mit Losern zusammen sein dürfen. Was all diese anspruchsvollen erwachsenen Frauen mit den Teenagern aus dem Video gemeinsam haben, ist die Haltung: Lieber keinen Mann als einen, der bestimmte (ob tatsächliche oder eingebildete) Macken hat.

Und natürlich liegt darin zunächst auch ein Stück Freiheit: Dass Frauen in Punkto Liebespartner wählerisch sein können, ist ja bei weitem keine Selbstverständlichkeit, sondern ein historisch sehr junges Phänomen. Über Jahrhunderte hinweg war das „Einen Mann Finden“ das wichtigste Projekt im Leben einer Frau, denn sie hatte nur über ihren Status als Ehefrau und Mutter gesellschaftliche Relevanz und ein sicheres Einkommen. Nur Prinzessinnen im Märchen konnten wählerisch sein und sich aus der Kandidatenkür der Prinzen denjenigen auswählen, der am meisten Drachen getötet hatte.

Wenn die heterosexuelle Liebe gerettet werden soll, dann müssen wir heute neue Gründe dafür finden, warum eine Frau einen Mann lieben sollte. Nachdem der Zwang für die Frauen weggefallen ist, scheint bei den älteren Frauen eine gewisse Rationalität die Entscheidung zu dominieren (er muss „passen“, ich muss irgendeinen Vorteil davon haben, auf gar keinen Fall aber Nachteile). Bei den jüngeren Frauen wiederum scheint noch nicht einmal das mehr als Begründung auszureichen. Vielmehr scheint der männliche Liebespartner zu einem bloßen Prestigeobjekt geworden zu sein (er muss etwas „hermachen“, er muss öffentlich vorzeigbar sein, keinesfalls darf er peinliche pinke Ponies mögen).

Man kann darin natürlich eine Folge der „Emanzipation“ sehen, und sie ist es wohl auch, denn für Männer (vor allem bürgerliche, etablierte, wohlhabende) war es schon immer akzeptabel, ihre weiblichen Partnerinnen nach Prestige- und Rationalitätsaspekten auszuwählen.

Unter dem Aspekt der Liebe sind diese Kriterien der Partnerwahl aber nicht besonders klug. Denn indem Frauen von vornherein alle Männer aussortieren, die rosa Ponies mögen, wenig Geld verdienen oder auf irgend eine andere Art die sozialen „Passabilitätskriterien“ nicht erfüllen und nicht genug „hermachen“, verbauen sie sich selbst die Fülle der möglichen unmöglichen Liebeserlebnisse, die gerade in der Begegnung mit dem Anderen, dem Nicht-Normalen, dem Absurden und Abseitigen liegen.

Von daher möchte ich den Damen zurufen: Mehr Souveränität in Liebesdingen, bitte! Denn nicht nur könnt Ihr euch heute selbst ernähren und zählt gesellschaftlich als vollwertige Personen, auch wenn ihr keinen Mann habt. Die Sache mit der weiblichen Freiheit ist noch besser: Ihr könnt es euch sogar erlauben, einen Mann zu lieben, der von anderen belächelt wird.

Oder anders gesagt: Ihr braucht gar nicht mehr davon zu träumen, Prinzessinnen zu sein, ihr könnt gleich richtige Königinnen werden.

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From → Frau + Mann

16 Kommentare
  1. Das mit Königinnen vs. Prinzessinnen ist exakt meine Meinung. Ob Souveränität der richtige Leitbegriff ist, da bin ich mir weniger exakt sicher. Ich würde mich freuen, wenn diese Geschichte mit dem Frosch im Märchen und dem Prinzen einmal von Seiten der tiefenpsychologischen Märcheninterpretation erläutert werden würde.

  2. Marcel W. permalink

    Als alter Sack, der seine elektronischen Gadgets gerne in pinke Hüllen steckt, sage ich „Danke“. Möglicherweise ist diese oberflächliche Partnersuche mit ein Grund, warum sich soviele Paare so schnell auseinanderleben und scheiden lassen.

  3. Mir war es nicht bewusst, dass es eine Entwicklung zu dieser Tendenz gibt. Vielleicht weil ich so sehr der Liebe vertraue und immer annehme sie sei stärker als die Abneigung gegen Rote-Pony-Jungs.

    • @Sammelmappe – Das könnte ja auch sein, dass die Teens, die wenn man sie „theoretisch“ fragt, entrüstet den Kopf schütteln, sich vielleicht trotzdem in einen rosa-Pony-Jungen verlieben, wenn es konkret wird 🙂 – Das wäre überhaupt auch mal eine interessante Studie wert: Inwiefern sich die tatsächlichen Liebesentscheidungen von den Kriterien, die man vorgeblich dabei anlegt, unterscheiden.

  4. Die Vorstellungen, wie etwas, sie, er oder das Selbst sein soll, sind der Nährboden für Dramen. Ist man darüber hinaus noch GefangenEr der eigenen Vorstellungen … reicht es für Tragödien 🙂

    Nur wie befreien wir uns von unseren Vorstellungen? Gibt es einen Weg, ohne das ich klären muss, wodurch meine Vorstellungen begründet sind? Kann ich mich einfach so – ggf. im Schmerz von dem, was ich (haben) will und wonach ich strebe, verabschieden und mich dann offen dem zuwenden, was mein Gegenüber „ist“?

  5. @jens ja, so einen weg gibt es durchaus. brenda shoshanna legt ihn ziemlich unaufgeregt in ihrem buch „zen und die kunst, sich zu verlieben“ dar: die botschaft ist: du kannst jeden menschen lieben, du brauchst allein die bereitschaft dazu.

    meine erfahrung ist: mich von wünschen, sehnsüchten, vorstellungen, erwartungen, illusionen, projektionen und wie sie alle heißen zu befreien und das mir selbst und einem menschen gegenüber, den ich liebe, loszulassen, ist schlicht und einfach eine entscheidung. und diese entscheidung treffe ich nicht ein mal und dann ist gut. im grunde habe ich sie jeden moment neu zu treffen. ich habe jederzeit eine wahl.

    und entscheide ich mich mehr oder weniger bewusst mal wieder z.b. für projektionen, kann ich mir das verzeihen und im nächsten augenblick mich neu für das loslassen und das annehmen dessen, was ist, entscheiden.

    mit dieser haltung weiche ich weder mir noch meinem gegenüber aus, mache ich mir bewusst und anerkenne das, was ich loslassen will und verdränge es nicht. ich übe, nicht mehr ins drama zu gehen, sondern dem, was mich hindert, mein gegenüber so zu nehmen, wie sie oder er ist, keinen raum zu bieten.

    das ist mein ganz persönlicher weg und ich kann nur sagen, dass meine erfahrung mir zeigt, dass er mir gut tut. das bedeutet nicht, dass jede liebe gelingt. aber es heißt zumindest, dass ich mehr und mehr bereit bin, mich selbst und mein gegenüber so zu lassen, wie wir alle sind.

    das erweitert den kreis der menschen, die ich lieben könnte, wenn ich wollte. welche erfahrungen ich dann mit ihnen mache, steht auf einem anderen blatt.

  6. Ein Mann, der rosa Ponies mag, wäre für mich wirklich gewöhnungsbedürftig. Es war für mich schon bedürftig festzustellen, dass erwachsene Männer sich hobbymäßig für Wikinger interessieren und wissen, was das größte Landraubtier der Erde ist. (Mittlerweile weiß ich es auch: der Kodakbär.) Andererseits habe ich auch keinerlei Interesse an rosa Ponies und finde Dinosaurier und Urzeitmenschen viel spannender, so dass es vielleicht okay ist, wenn ich da etwas wählerisch bin.

    Ich weiß jetzt nicht, wie alt diese Mädchen waren. Ich denke, wenn man noch nicht alt genug ist, sich wirklich zu verlieben, aber trotzdem schon darüber nachdenkt, hat man eine Reihe merkwürdiger Vorstellungen. Zum Glück werden diese Mädchen irgendwann doch erwachsen und passen ihre Kritierien mehr der Realität und vor allem auch ihrer eigenen Persönlichkeit statt irgendwelchen Klischees an.

  7. Daniela K. permalink

    Die persönliche Erfahrung zeigt doch, dass theoretische Ansprüche und praktische Umsetzung sehr oft weit auseinander klaffen (und je länger man Single ist, desto höher schrauben sich die Erwartungen an einen potentiellen Partner). Wird es dann konkret, verliebt mann sich plötzlich in die pummelige Brünette, obwohl er eigentlich auf blonde Sportskanonen steht und frau findet auf einmal nichts mehr dabei, wenn der Partner ein Waschbärbäuchlein hat und peinliche Motto-Shirts trägt. Oder ein Fan rosa Ponies mit Glitter ist. Dann wird aus dem ursprünglichen k.o.-Kriterium plötzlich ein Grund mehr, jemanden zu lieben.

  8. felix w l permalink

    Wer abstrakt denkt, kommt irgendwann immer zum Thema Rückkehrschluß.

    Wie Männer sein sollten, ist bei Frauen wirklich ein riesiges Thema, oder?
    Ich meine, ich kenne ja die Bücher im Schrank meiner Mutter, „Die Prinzenrolle“,
    „Jungenarbeit und Jungenpädagogik“, …

  9. Felix Werner Ludwig permalink

    Lustig, ratet mal, in welcher Partei massenhaft T-Shirts mir rosa Ponys getragen werden?

  10. Im besonderen mag das stimmen, nur wenn man das Allgemeine ganz als Kategorie tilgt, es als Essentialismus benennt – wobei ich das Konzept des Essentialismus mehr substanzontologisch deuten würde, dann bedarf es tatsächlicher neuer Gründe. Aber die Liebe und das Lieben ist selbst der Grund des Lebens und aller Dinge.
    Ansonsten würde ich mich Gehlen und Habermas Gründe und Motive trennen.

  11. Frau W. permalink

    Die Frage ist: wer schränkt ein und setzt die Hürden?
    Ein souveränes Nachwuchsbespiel: http://www.youtube.com/watch?v=-CU040Hqbas&feature=related

  12. Ach, weibliche Teenager schrecken ja vor tausend Dingen angeekelt zurück (männliche übrigens auch), aber wenn der Richtige dann plötzlich vor einem steht und man sich Hals über Kopf verliebt, interessiert es einen doch überhaupt nicht, ob derjenige sich ab und zu kleine bunte Ponys (die sind längst nicht alle rosa) ankuckt.
    Umgekehrt stellt man vielleicht fest, dass man andere Macken, die einem im Vorfeld überhaupt nichts ausgemacht haben, mit der Zeit immer mehr hasst, je länger man mit einem Partner, der diese Macken zelebriert, zusammen ist. Aus dem Grund will ich NIE wieder einen Fußballfan haben…

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