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Romeo und Julia: Die Erregung des Verbotenen

15. Juli 2012

„Die Liebe als Überschreitung, außerhalb des Gesetzes, als geächtet: Diese allgemeine Idee überwiegt im gängigen Bewußtsein wie in den literarischen Texten“, schreibt Julia Kristeva in ihren „Geschichten von der Liebe“ (201) über den westlichen Liebesdiskurs, und natürlich nimmt sie als Beispiel die wohl bekannteste Geschichte von „verbotener Liebe“: Romeo und Julia.

Hunderte, Tausende und Abertausende von (ausschließlich heterosexuellen?) Paaren haben sich in Verona an den Wänden des angeblichen Wohnhauses der Julia verewigt und tun das auch weiterhin, in wer weiß wie vielen Schichten übereinander. Das Gewusel ihrer durch Herzen umrahmten Namen ist eine rührende Widerlegung der angeblichen „Einzigartigkeit“ jeder dieser Hoffnungen, ihre Liebesbeziehung bis zum bitteren Ende und gegen jede äußere Norm antrotzen zu lassen.

Die sehnsuchtsvolle Bezugnahme heutiger Paare auf Romeo und Julia ist ja durchaus erstaunlich, denn, wie Kristeva bemerkt: „Die Geschichte des berühmten Paars ist im Grunde eine Geschichte des unmöglichen Paars: Sie lieben sich weniger lang, als sie sich auf das Sterben vorbereiten.“ (202)

In einer oberflächlichen Betrachtungsweise könnte man meinen, mit dieser Geschichte feiert der Westen die humanistische Befreiung der Liebe aus den Zwängen der gesellschaftlichen Normen und der arrangierten Ehen, allerdings lässt die Obsession, mit der die Leidenschaft von Romeo und Julia zur Blaupause für wahre, bedingungslose Liebe und Hingabe ist, Zweifel aufkommen: Ist es wirklich die Freude darüber, dass wir heute diese Zwänge weitgehend überwunden haben, die sich in der anhaltenden Faszination für die Geschichte zeigt?

Oder ist es nicht vielmehr ein Anzeichen für eine Sehnsucht, die daher rührt, dass sich unsere Bilder von romantischer Liebe mit deren Verbot quasi untrennbar vermischt haben? Julia Kristeva fragt ganz richtig im Bezug auf das berühmte Role-Model-Paar: „Entspringt ihre Lust der Erfülltheit des Zusammenseins oder der Angst vor der Rüge? (203)

Sie nennt das den „Schatten des Dritten: Eltern, Vater, Gatte oder Gattin beim Ehebruch, ist in derartigen Erregungen der Fleischeslust vermutlich stärker anwesend, als die unschuldigen Sucher nach einem Glück zu zweit zugeben. Man entferne diesen Dritten, und schon stürzt, oft genug, das Gebäude ein, weil dem Begehren nun letzter Grund und Ursache fehlen.“

Ich zum Beispiel habe nie verstanden, was Leute an Sex auf dem Küchentisch oder auf dem Flugzeugklo finden, ich finde es immer im Bett eigentlich schöner. Es ist genussvoller, einfacher und weniger unbequem.

Aber vielleicht passt „einfach, gemütlich, ungefährlich“ mit dem Bild, das wir von der romantischen Liebe haben, nicht zusammen. So richtig romantisch ist es erst, wenn man Angst haben muss, entdeckt zu werden, die Erregung speist sich aus dem Gefühl, etwas „Verbotenes“ zu tun.

Konservative Milieus – zum Beispiel bestimmte fundamentalistisch-religiöse Gruppen – nehmen das tatsächlich als Argument: Wenn alles erlaubt ist und wir jederzeit mit jedem Menschen Sex haben könnten, mit dem uns das in den Sinn kommt, so behaupten sie, ist doch kein Reiz mehr dabei. Sie geben dabei vor, sittliche Rahmenbedingungen für „erlaubten“ Sex vorgeben zu wollen, vielleicht aber hat ihr Erfolg bei nicht wenigen jungen Leuten auch einfach nur den Grund, dass sie bereitwillig diese Rolle des „Dritten“ übernehmen, also den Rahmen von Verboten bereitstellen, der notwendig ist für ein Begehren, das sich nicht einfach am Genuss des gemeinsamen Verliebtseins erfreut, sondern sich daraus speist, gemeinsam und heimlich und wagemutig gegen ein Gesetz zu verstoßen.

Freie Liebe, so meine These, haben wir aber nicht dann verwirklicht, wenn wir den Mut haben, gegen Liebesnormen und Liebesgesetze zu verstoßen, sondern dann, wenn wir diesen Verstoß nicht mehr nötig haben, um zu begehren und zu genießen.

Freie Liebende, so glaube ich, würden unter dem Balkon der Julia keine Herzen malen und ihre eigenen Namen hineinstellen, sondern sie würden dort Kerzen anzünden, als Zeichen der Trauer und des Mitgefühls. Sie würden nicht sehnsuchtsvoll sich wünschen, genauso zu lieben wie Romeo und Julia, sondern sie wären dankbar dafür, dass sie anders lieben können: Ohne Heimlichtuereien, ohne Angst vor Entdeckung, ohne Verbote.

Voraussetzung dafür wäre natürlich, dass sie sich tatsächlich lieben. Und keinen „Dritten“ brauchen, dessen Gesetz ihre Liebe verbietet und ihr dadurch Reiz verleiht.

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From → Liebesprobleme

8 Kommentare
  1. Sehr schön. 🙂 Ich höre leider auch sehr oft, dass Eifersucht (auch als Anlass für Heimlichtuerei) ein Kriterium für ‚echte‘ romantische Liebe sei. Hieße frei zu lieben auch, sich auch von diesem Gefühl zu befreien – oder auf die Gefühle Dritter in dieser Hinsicht keine Rücksicht nehmen zu müssen?

    • @Alexander – Ja, das mit der Eifersucht gehört auch in diesen Dunstkreis. Ich habe Eifersucht immer für ein unlogisches Gefühl gehalten: Entweder sie ist berechtigt, dann ist es eh zu spät, oder sie ist unberechtigt, dann ist sie auch unnötig. Dass sie ein Kriterium für Liebe ist, glaube ich auch nicht.

  2. Das sehe ich auch so. Schön geschrieben.
    EIne freie Liebe zwischen freien Menschen braucht keinen Aufpasser.
    Wer nur den Kitzel liebt des Verbotenen, meint auch nicht den anderen, den er liebt.
    Er könnte auch Achterbahn fahren , mit dem selben Effekt.
    Deshalb halten solche Lieben auch nicht. Vom dauernden Achterbahn fahren wird einem schlecht.

    Auch, und die Eifersucht als Liebesbeweis.
    Ist sie eingebildet, muss man sich mal fragen, ob man denn nicht übertreibt.
    Man kann niemanden besitzen. Und Liebe ist immer und überall ein Zeichen der Freihheit der Herzen. Zwingen geht nicht.
    Ist sie nicht eingebildet und berechtigt, und der andere gibt und nimmt auch noch anderswo Liebe, so muss ich mir überlegen, ob ich damit leben kann. Wenn ja, so darf ich nicht jammern, wenn nein, dann muss ich, auch wenn es schmerzt, konsequent sein.
    Aber das alles geht nur, wenn ich meine Gefühle nicht auf einem Altar verehre. Und glaube, das Glück kommt nur von anderen auf mich zu.

    Ach ja, der Küchentisch.

  3. Wie die Band „Kettcar“ in ihrem Lied „Balu“ schon so wunderschön nüchtern sagte:
    „Vergiss Romeo und Julia / Wann gibt’s Abendbrot? / Willst du wirklich tauschen / Am Ende war’n sie tot.“

    Ich habe dem und diesem Blogbeitrag nichts weiter hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass ich diese Vorhängeschlösser an Geländern überall auf der Welt nicht verstehe… Auch das ist wohl eine Spielart der Verewigung auf Julias Hauswand.

  4. Ich habe noch etwas gefunden über die Liebe, die nicht tragisch endet: Die Liebe war nicht geringe… Ob das Ende glücklich ist oder nicht, ist dann aber auch fraglich.

  5. Es ist ja nicht mal nur mit der romantischen Liebe so, sondern auch mit der banalen Geilheit: „so richtigt obszön ist verboten erst schön“ meinte dazu ein alter Sponti-Spruch – und ja, das hat was!

    Wenn immer weniger verboten, sondern marktförmig kultiviert wird, erlahmt irgendwann der Trieb, bzw. nimmt ihn nicht mehr zum Anlass für physische Sozialkontakte. Es gibt ja mittlerweile soviel Trieb-Service online – für jeden und jede zig Formen und Nischen…

    Genau das könnte man als Chance sehen, als begrüßenswerte Entwicklung hin zu erwachsenen Beziehungen, deren Bestand weder vom Pilcher-Koeffizient noch vom Kick-Faktor des Verbotenen abhängt – sich derlei „Verwirrungen“ aber durchaus gelegentlich zugesteht, genau wie die Lust auf „mal andere Haut“.

  6. Was für ein schöner Text und noch schönere Gedanken…Du sprichst mir aus der Seele, weiss ich doch selber sehr genau was es heisst mit einer „verbotenen“ Liebe zu leben. Danke!

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