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Stilblüten: Udo Jürgens

Ein Artikel aus dem Tuifly-Bordmagazin „flyjournal“ (4/2011) auf dem Rückflug aus dem Urlaub hat mich dazu animiert, eine neue Rubrik zu eröffnen namens „Stilblüten“. Nur knapp kommentiert will ich hier Fundstücke zum Thema „Was so über Liebe und Beziehungen (zwischen Männern und Frauen) gesagt und gedacht (und gelesen) wird“, sammeln.

Den Anfang macht also Udo Jürgens, über den ein (nicht namentlich gekennzeichnetes) Portrait in besagtem Flugzeugmagazin abgedruckt war. Hier der relevante Auszug:

New York, Juli 1957. … Der 23-jährige Udo Jürgen Bockelmann blickt von Deck aus auf die Skyline – und träumt den Traum seiner Generation. Raus aus dem spießigen und kriegszerstörten Europa – und rein in die schillernde Welt der Hollywood-Stars. Wie sein Vorbild Frank Sinatra – einfach im „River Café“ unterhalb der Brooklyn Bridge mit einer hübschen Frau in jedem Arm lässig einen Whiskey schlürfen. Ein scheinbar unerreichbarer Traum – aber er geht ihn an.

54 Jahre später. .. Aus dem jungen Stenz … ist ein Weltstar geworden … – und an hübschen Frauen mangelte es ebenfalls nicht.

Der Charmeur alter Schule gilt auch heute noch als Womanizer mit einem Faible für junge Damen, woran in der Vergangenheit viele seiner Beziehungen zerbrachen. „Ich war nie treu in meinem Leben“, sagt er ehrlich und kennt auch die Gründe. „Untreue ist keine Frage des Charakters, sondern der Chancen.“ Die gab es für einen wie ihn reichlich – und er verhehlt nicht, dass er genau das gesucht hat. „Jeder Junge, der davon träumt, Musiker zu werden, will das in erster Linie, um Mädchen aufzureißen.“

Besonders in den 60er-Jahren ein Erfolgsrezept. „Man kann sich kaum noch vorstellen, was man damals als einigermaßen attraktiver oder sympathischer Mann erlebt hat“, erinnert er sich an Zeiten, als er nach Konzerten regelmäßig „den Rappen gesattelt“ hat, es also ordentlich krachen ließ. „Man ging in Lokale, und die Frauen haben einen offen angesprochen, angefasst oder aufgefordert, mitzugehen.“ Die Chancen nahm er reihenweise wahr – und bescherte mit seinen Amouren den Boulevard-Blättern regelmäßig Spitzen-Verkaufszahlen. Er habe, mutmaßte „Die Welt“, „mit so vielen Frauen geschlafen, dass er einen ganzen Kontinent bevölkern kann“.

Doch wer sich im Licht sonnt, muss auch mit dem Schatten leben. … Selbst Beziehungen zu Minderjährigen wurden ihm analog zu einem seiner größten Hits unter der Formel „17 Jahr, blondes Haar“ angedichtet. Ein haltloser Vorwurf, doch einmal in die Welt gesetzt, ist er nur schwer zu tilgen.

Der Punkt, auf den ich in diesem Zusammenhang besonders aufmerksam machen will, ist, dass das Womanizertum von Udo Jürgens hier ausdrücklich nicht als individuelle Vorliebe oder Eigenart dargestellt wird, sondern als „Traum seiner Generation“ und als Wesensmerkmal von Männlichkeit: „Jeder Junge“ macht nur deshalb Musik, um Mädchen aufzureißen.

Unverbindlichkeit und Unbeständigkeit in Liebesbeziehungen ist ebenfalls keine Vorliebe oder Wahl, die Udo Jürgens selbst getroffen (und zu verantworten) hat, sondern sogar eine nicht nur männlich sondern allgemeinmenschlich definierte Conditio Humana: Wenn jemand nicht untreu ist, beweist das bloß, dass er (implizit auch: sie?) keine Chancen hat – also ein Versager ist.

An dieser Art von „Frauensammeln“ haben nicht  nur die Beteiligten, sondern auch die Medien Anteil.

Lustig auch die Unfähigkeit, auszusprechen, worum es geht, nämlich um Selbst- und Fremdbestätigung männlicher Macht in Form von Ficken. Udo Jürgens selbst umschreibt das mit „den Rappen satteln“, was der namenlose Autor oder die Autorin des Artikels dann mindestens ebenso nebulös mit „es krachen lassen“ übersetzt.

Last not least: Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegenüber mit Macht ausgestatteten Männern können ohne weitere Argumente oder Beweisführung als „haltlos“ eingestuft werden.

„Fri“ heißt lieben

Gerade schickte eine Freundin dieses Zitat, das praktisch das Motto dieses Blogs wiedergibt. Es stammt aus dem Buch „Duft der Zeit“ von Byung-Chul Han (transcript Verlag, Bielefeld 2009,  S 38):

Frei-Sein heisst nicht einfach Ungebunden- und Unverbindlich-Sein. Frei machen nicht Entbindungen und Entbettungen, sondern Einbindungen und Einbettungen. Die totale Beziehungslosigkeit wirkt beängstigend und beunruhigend. Die indogermanische Wurzel fri, worauf Wendungen wie frei, Friede und Freund zurückgehen, bedeutet „lieben“. So bedeutet „frei“ ursprünglich „zu den Freunden oder Liebenden gehörend“. Man fühlt sich frei gerade in der Beziehung von Liebe und Freundschaft. Nicht Bindungslosigkeit, sondern Bindung macht einen frei. Die Freiheit ist ein Beziehungswort par excellence. Ohne Halt gibt es auch keine Freiheit.“

Ich kenne mich mit Etymologie nicht so gut aus, aber natürlich würde ich diesen Strang gerne verfolgen. Über sachdienliche Hinweise in den Kommentaren freue ich mich.

Keine Panik. Nicht jede Liebe tut weh.

Eva Illouz hat mit „Warum Liebe weh tut“ ein sehr gutes Buch geschrieben. Von daher gleich mal der Appell: Lest es.

Klargestellt werden muss aber (und Eva Illouz stellt das mehrfach klar, aber ich betone es hier auch nochmal, weil es in den meisten Artikeln, die ich zum Erscheinen dieses Buches gelesen habe, bezeichnenderweise NICHT klargestellt wird): Das Buch handelt nur von einer bestimmte Variante der Liebe, und zwar von der heterosexuellen Mittelschichts-Liebe mit implizitem Kinderwunsch.

Leider ist es genau jene Liebe, die sich mit einer unerträglichen Penetranz in den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung schiebt und so tut, als wäre sie die Liebe schlechthin. Alle anderen Arten von Lieben – zwischen zwei Männern, zwischen zwei Frauen, zwischen Menschen ohne gutbürgerlichen Hintergrund, zwischen mehr als zwei Menschen, zwischen Menschen ohne Familienlebens- und Kinderwunsch, zwischen Menschen aus anderen Kulturen als der westeuropäischen, ganz zu schweigen von der Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Menschen, die keinen Sex miteinander haben, oder der Liebe von Menschen zur Welt oder zu Gott oder zum Frieden – sind hier nicht im Blick.

Deshalb finde ich den Buchtitel auch problematisch. Denn Liebe tut nicht weh. Diese Art von Liebe tut weh. (Auch nicht immer, aber mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit.) Warum, beschreibt Illouz in dem Buch.

Ihre Grundthese ist: All das, was derzeit die Liebe zwischen Frauen und Männern mit Mittelschichts-Ambitionen so kompliziert macht, ist kein psychologisches Defizit der Beteiligten, sondern eine logische Konsequenz gegebener sozialer Muster. Die Negativfolie, vor der sie das verhandelt, ist die Psychologisierung der westlichen Kultur, gegen die sie auch schon in ihren anderen Büchern angeschrieben hat. Also etwa die Rede von der angeblichen „Bindungsangst“ vieler Männer, oder von dem fehlenden „Selbstbewusstsein“ vieler Frauen. Die These lautet, dass diese durchaus real vorzufindenden Haltungen keineswegs „natürliche“ Eigenschaften der Geschlechter sind (wie Evolutionstheorien gerne behaupten), aber auch keine individuellen Defizite oder Deformationen, die aus Erlebnissen in frühester Kindheit resultieren. Also auch nichts, worüber man mit Hilfe von Ratgeberbüchern oder Therapiesitzungen hinwegkommen kann.

Die Ursache für den Klassiker in der heterosexuellen Problemkiste – Bindungsangst versus übergroße Anhänglichkeit – resultiert ihrer Ansicht nach vielmehr aus der Tatsache, dass der „Heiratsmarkt“ heute nicht mehr nach starren sozialen Codes reguliert ist: Alle möglichen Paarkonstellationen sind erlaubt, jedenfalls im Prinzip, Unterschiede in Bezug auf soziale Schicht, Religions- oder Nationalitätszugehörigkeit, Bildungsstand und so weiter sind kein Hinderungsgrund der Paarbildung mehr. Das hat zur Folge, dass die Auswahl möglicher Partner und Partnerinnen extrem gestiegen ist. Weitere Faktoren begünstigen das: örtliche  Mobilität und Internet.

Auch ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass Partnerschaften zeitlich begrenzt sind, das heißt, dass sie enden, sobald einer oder eine der beiden keine Lust mehr hat. Und schließlich besteht der Anspruch auf Autonomie oder Authentizität, das heißt, Verbindlichkeit ist nicht mehr per se eine Tugend, sondern nur, wenn sie auch dauerhaft von den entsprechenden „Gefühlen“ begleitet ist. Anders gesagt: Wer mit jemandem zusammen ist, ohne weiterhin so richtig verliebt zu sein, gilt irgendwie als dämlich.

Dies aber bringt nach Illouz‘ Analyse für Frauen, die einen Mann suchen, mit dem sie zusammen Kinder haben können, „Wettbewerbsnachteile“ mit sich. Und zwar schon rein zeitlich, weil Frauen, anders als Männer, nur ein begrenztes Zeitfenster haben, in dem sie diesen Kinderwunsch verwirklichen können. Daher haben sie ein höheres Interesse, sich relativ schnell verbindlich festzulegen, die Männer hingegen nicht. Im Gegenteil: Männer, die sich zu früh binden, vermindern in dieser Ökonomie (tatsächlich parallelisiert Illouz ihre Analyse mit der von Marx im Bezug auf das Kapital) ihre Optionen. Denn jede Bindung an eine bestimmte Frau kann sich als Hindernis erweisen, sobald sich später noch eine bessere Möglichkeit der Partnerinnenwahl ergibt.

Die Methode, die Illouz anwendet, um ihre Schlussfolgerungen zu belegen, ist der Vergleich mit Liebesmustern aus dem 19. Jahrhundert. An diesem Vergleich zeigt sie, was neu ist am heutigen Liebeskummer und wie er sich von dem Liebesleid früherer Zeiten unterscheidet – denn dass die Liebe kompliziert ist und neben Freude auch Leiden mit sich bringt, ist ja wiederum nichts Neues. Nur die Art und Weise ist neu.

Nur ein Beispiel: Wenn früher ein Mann seine Frau verlassen hat oder anders herum, so war man allgemein (die beiden Beteiligten ebenso wie ihr soziales Umfeld) der Ansicht, dass er oder sie Schuld am Scheitern der Beziehung trägt. Heute suchen die Verlassenen tendenziell die Schuld bei sich selbst, denn sie müssen ja irgendeinen Fehler gemacht haben, weshalb sie verlassen wurden. Sie waren nicht „gut genug“. Zur Trauer über die verlorene Liebesbeziehung gesellt sich also der Selbstzweifel. Liebeskummer im Quadrat sozusagen.

Diese Vergleiche – die natürlich, was Illouz explizit betont, nicht bedeuten, dass die Verhältnisse damals besser gewesen wären, es geht nur darum, kategoriale Unterschiede herauszuarbeiten – fand ich extrem interessant. Denn im Allgemeinen sehen wir die Entwicklung gerade aus der Perspektive von Frauen als rein positiv an und blicken mit einem leicht mitleidsvollen Gestus auf die „armen Frauen“ damals im Patriarchat herab. Aber Illouz zeigt eindrücklich, dass zum Beispiel der Selbstwert einer Frau im 19. Jahrhundert sehr viel weniger als heute davon abhing, wie gut oder nicht ein Verehrer sie fand. Wenn aus einer Liaison nichts wurde, hatte das viele Gründe, es war kein Qualitätsurteil über das innerste Selbst einer Person.

Das bedeutete auch, dass Menschen, und gerade auch Frauen, ihre Liebesgefühle teilweise ungehemmter ausleben konnten als heute. Viele Romane des 19. Jahrhunderts erzählen davon, wie Frauen Männer lieben und Männer Frauen, obwohl sie „nichts davon haben“, oder wie sie auch dann an ihrer Liebe festhalten, wenn die geliebten Personen sich nicht so benehmen, wie sie das sollten. Heute hingegen wird von gerade von Frauen, die emanzipiert sein wollen, erwartet, dass sie nur Männer lieben, die bestimmten Mindeststandards entsprechen, also zum Beispiel nicht fremdgehen oder sich nicht sonstwie „falsch“ verhalten (der Klassiker dieses Vorwurfs geht an Simone de Beauvoir: Warum ist sie bei Sartre geblieben, obwohl der ständig andere Frauen hatte? Die nahe liegende Antwort, dass Sartre vermutlich ein ziemlich interessanter Gesprächspartner war, dem frau daher anderes hat durchgehen lassen, gilt als „unfeministisch“).

„Irrationale“ Liebe wird heute nicht mehr als Ausdruck von besonders großer Hingabe oder gar Liebesfähigkeit gesehen, sondern sie wird pathologisiert. Es muss dann therapeutisch geklärt werden, warum hier noch geliebt wird, obwohl doch die objektiven Argumente dagegen sprechen. Das hängt natürlich mit der heutigen Überforderung der Liebe zusammen, damit, dass die Wahl des Liebespartners zum zentralen Lebensprojekt gemacht wird, und die liebende Frau keine anderen Stützpfeiler hat (Familie, Gesellschaft, Stand), die ihren Wert definieren. Umso wichtiger ist es, nur „den Richtigen“ zu lieben – was den oben geschilderten Konflikt mit dem kurzen Zeitfenster einer möglichen Mutterschaft natürlich noch einmal verschärft.

Was ist in so einer Situation zu tun? Der nahe liegendste Schritt ist natürlich, andere Liebeskonzepte jenseits der bürgerlichen Mann-Frau-Kind-Konstellation zu stärken. Natürlich können sich ähnliche Liebesprobleme auch in homosexuellen Konstellationen oder bei heterosexuellen Frauen ohne Kinderwunsch bemerkbar machen, doch hier sind sie gewissermaßen nur „symbolisch erzeugt“, insofern die Agierenden implizit denselben Bildern nacheifern, die eigentlich nur für die heterosexuelle Normliebe Sinn ergeben.

Aber hier ist die Chance größer, alternative Liebeserzählungen zu schreiben. Ein Weg, der mir persönlich gut gefällt, ist der einer Renaissance der irrational Liebenden – also die Befreiung der Liebe aus der Zweckrationalität, den „richtigen“ Partner, die „richtige“ Partnerin zu finden. Nein, ich denke, freie Menschen lieben wen immer sie lieben, und sei das auch ganz und gar unpassend. Das können sie, weil sie um der Liebe wegen lieben und nicht, um durch die Anerkennung des Geliebten ihr eigenes Selbstwertgefühl zu stärken. Ihr Selbstwertgefühl bekommen freie Liebende anderswo her, aus ihrem Ort im Leben. Aus der Gesamtheit dessen, was sie tun, aus ihren vielfältigen Beziehungsnetzen. Deshalb sind sie auch so richtig uneigennützig traurig, wenn sie verlassen werden. Aber nicht am Boden und in ihrem Innersten zerstört.

Und was machen die Frauen, die nicht nur symbolisch betroffen sind, sondern real, weil es eben nun einmal eine Tatsache ist, dass sie jetzt (oder in den nächsten zehn Jahren) Kinder kriegen müssen und daher nicht ewig auf Mister Right warten können? Ich finde – und Eva Illouz hat das in irgendeinem Interview auch gesagt, das ich aber jetzt grade nicht mehr finde – sie sollten ihren Kinderwunsch von der Sehnsucht nach einer romantischen Liebe trennen. Sie sollten Kinder kriegen, wann immer sie wollen, unabhängig davon, ob sie einen Mann haben, der das auch will. Wenn ja, ist gut, wenn nein muss das nicht Kinderlosigkeit bedeuten. Ganz abgesehen davon, dass ja auch ein Mann, der heute noch will, das in drei Jahren schon ganz anders sehen und andersrum, dass ein Mann, der erst einmal kein Vater werden wollte, das dann doch ganz gut findet, wenn das Kind erst einmal da ist.

Vielleicht muss das ja nicht so bleiben. Vielleicht gelingt es uns ja irgendwann wieder, Liebe mit Verbindlichkeit zusammen zu denken, ohne die starren sozialen Gerüste, die das im 19. Jahrhundert noch bewerkstelligen konnte. Zum problematischen Aspekt der „Autonomieerwartungen“, die mit heutigen Liebesbeziehungen verknüpft sind, hat Illouz auch ein interessantes Kapitel geschrieben, auf das ich vielleicht später nochmal zurückkomme.

Aber der erste Schritt ist es, dieses soziale Dilemma anzuerkennen und auszusprechen und nicht mit rosaroter Romantik-Kitsch-Soße zuzukleistern. Damit die Menschen, die daran scheitern, das nicht länger als individuelles Versagen deuten.

Eva Illouz: Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Suhrkamp 2011.

Die überlastete Liebe in Zeiten der Unabhängigkeit

Es werden heute erstaunlich viele Bücher über die Liebe geschrieben. Im Allgemeinen gehen sie davon aus, dass die Liebe es schwer hat, weil wir alle so viel Freiheit hinzugewonnen haben. Exemplarisch sei auf Sven Hillenkamp vewiesen, der die Thesen seines aktuellen Buches über „Das Ende der Liebe“ hier in einem Interview ausführlich erläutert.

Der Hauptfehler in der Argumentation, dass zu viel Freiheit die Liebe gefährde, liegt meiner Ansicht nach in einem falschen Begriff von Freiheit. Wenn man Freiheit als Autonomie und Unabhängigkeit versteht, als Freiwilligkeit, als Möglichkeit, unter einer Fülle vorgegebener Optionen auszuwählen – dann könnte die Diagnose stimmen. Darüber habe ich ja hier schon gebloggt.

Freiheit ist aber etwas anderes. Freiheit ist vielmehr die Möglichkeit, sich dem eigenen Begehren entsprechend aktiv an der Gestaltung der Welt zu beteiligen (siehe auch hier). Sie ist offen und nicht an das Vorhandensein möglichst vieler Auswahlmöglichkeiten geknüpft. Nicht alles, was ich freiwillig tue, ist eine Folge meiner Freiheit. Vielleicht ist es auch eine Folge meiner Mutlosigkeit, meiner Ängstlichkeit, meiner Phantasielosigkeit.

Daher denke ich: Liebe ist mit dem Freiheitsgewinn überhaupt erst möglich geworden. Freie Liebe gab es auch früher selten. Allerdings haben sich die Erzählungen über die Liebe den neuen Verhältnissen noch nicht angepasst. Ein Großteil der westlichen Liebesliteratur beschäftigt sich damit, dass Liebe gesellschaftliche Hindernisse überwinden muss – die legendären zwei Königskinder eben, Romeo und Julia, you name it.

Regalweise Romanliteratur haben wir voller Geschichten davon, wie zwei sich lieben, aber nicht zueinander finden. Anfangs waren es meistens äußerliche Hindernisse, verfeindete Familien, widrige Zeitumstände, soziale Unterschiede, die das Zusammenkommen der Liebenden verhindern wollten. Heute spielt all das – zumindest in den liberaleren Milieus – kaum noch eine Rolle, aber die Narrative sind gleichgeblieben. Die Hindernisse haben sich tendenziell verinnerlicht, die psychischen Befindlichkeiten oder egoistischen Lebensperspektiven verhindern das Zustandekommen des Paares (eine Erzählfigur, die gerne auch mal zum Bashing emanzipierter Frauen verwendet wurde, denen man „Liebesunfähigkeit“ unterstellt hat).

Ich denke, wir brauchen neue Narrative. Das Problem der Liebe stellt sich nicht mehr in Form von Hindernissen, seien sie nun äußerlich oder innerlich, die dem Paar im Wege stehen. Es stellt sich in Form einer gestiegenen Notwendigkeit.

Das Bedürfnis, über die Liebe nachzudenken, ist deshalb heute so groß, weil wir die Liebe viel nötiger haben als früher. Und zwar deshalb, weil es die einzige menschliche Beziehungsform ist, die noch verlässlich Zugehörigkeit schafft, einen Ort für die Individuen, in denen sie sich „zuhause“ fühlen, losgelöst von ihrer Funktionalität und Leistungsbereitschaft, ihrer Performance und Bewertbarkeit.

In früheren Zeiten waren die Menschen ganz automatisch in vielerlei Beziehungsgeflechte eingebunden. Sie gehörten zu ihrer Familie, zu ihrem Dorf, zu ihrer Firma, zu ihrem Verein. Man wurde in einen sozialen Kontext hineingeboren, und diese Zugehörigkeit zu einer definierten menschlichen Gemeinschaft war selbstverständlich. Man musste dafür nichts leisten. Nur die wenigsten – die an den extremen Rändern – fielen da hinaus: Die einen, mit großem Freiheitsdrang, die ausbrachen und auf eigene Faust „in die Welt zogen“ (und es wurde immer thematisiert, dass der Preis dafür die Einsamkeit war), und die anderen, die sozial Ausgestoßenen, die Verbannten, denen aus irgendeinem Grund die Zugehörigkeit verweigert wurde.

Aber beides waren Einzelfälle, die große Masse der Menschen gehörte einfach qua Geburt zu einer sozialen Bezugsgruppe dazu. Niemand musste großartige Liebesbeziehungen pflegen, um einen Ort zu haben, um irgendwo „hinzugehören“. Viele Ehepaare lebten nebeneinander her, ohne tiefschürfende Liebesemotionen, aber dennoch nicht einsam und allein, sondern sie hatten ein „Zuhause“.

Die Individualisierung moderner Gesellschaften, die an die Person gebundenen (und von den konkreten Beziehungsgeflechten gelösten) Rechtsansprüche, Mobilität und Flexibilität haben diese Zugehörigkeiten prekär gemacht. Die Notwendigkeiten, die Menschen früher an ihre Bezugsgewebe gebunden (oder eben auch gefesselt) haben, bestehen nicht mehr. Man ist ökonomisch selbstständig, hat sich mit Hilfe eines Therapeuten aus der Abhängigkeit von den Eltern befreit, sucht im Beruf nach neuen Herausforderungen, wenn sie sich bieten (und wird von der Firma entlassen, sobald der das in den Kram passt).

Und das alles funktioniert, weil wir auch ohne Beziehungsgefüge sozial abgesichert sind. Diese Abhängigkeiten wurden aufgelöst, aber all das hat mit Liebe nichts zu tun.

Die Liebe springt vielmehr genau an dieser Stelle in die Bresche: Sie ist heutzutage der einzige legitime und akzeptierte Grund, sich an andere Menschen zu binden. Es gibt keinen Grund mehr, die Beziehung zu den Eltern aufrechtzuerhalten, es sei denn, ich liebe sie. Es gibt keinen Grund (und fast schon auch keine Entschuldigung mehr) dafür, bei meinem Ehemann zu bleiben, es sei denn, ich kann glaubhaft vermitteln (mir selbst und anderen) dass ich ihn noch liebe. Einzige Ausnahme sind die Kinder, um die Eltern sich kümmern müssen – allerdings auch nur, bis sie erwachsen sind.

Und deshalb ist die Liebe so wichtig geworden, deshalb ist sie für viele Menschen unverzichtbar. Weil wir ohne Liebe keinen Grund mehr haben, uns an andere Menschen gebunden zu fühlen, und weil wir keine Zugehörigkeiten mehr kennen, die sich von selbst verstehen. Auch wenn wir persönlich es anders machen und „treu“ sein wollen, so müssen wir doch ständig damit rechnen, von den anderen verlassen zu werden, sogar von unseren Kindern, sogar von unseren Eltern, und sowieso von unseren Ehefrauen und Ehemännern. Alles, was uns mit anderen noch zusammenhält, ist die Liebe.

Und das ist natürlich eine ziemliche Bürde, die wir der Liebe da aufgehalst haben.

Denn das Wesen der Liebe ist nun einmal ihre Unverfügbarkeit. Liebe geschieht oder geschieht nicht, sie ist da oder sie ist nicht da. Man kann (und sollte) das Phänomen Liebe zwar kulturell begleiten, bewusst reflektieren und so weiter. Aber wie man es auch dreht und wendet: Die Liebe kann kein Patentrezept für die sozialen Vereinzelungstendenzen unserer Zeit sein.

Die Liebe hat für sich genommen kein Problem, es gibt heute so viel Liebe wie immer (und ich behaupte sogar, mehr), die Liebe funktioniert heute so gut wie immer (ich behaupte sogar, besser). Aber sie steht eben nicht immer Gewehr bei Fuß, wenn man sie braucht. Liebe lässt sich nicht instrumentalisieren. Man kann sie nicht herbeizwingen. Und das ist natürlich tragisch, wenn sie der einzige Weg ist, der uns vor Vereinsamung und Vereinzelung schützt, uns Zugehörigkeit und Verbindlichkeit erleben lässt.

Deshalb denke ich, dass wir neue Narrative brauchen. Wir brauchen nicht mehr dauernd über die angeblichen Probleme der Liebe sprechen und über die Hindernisse, die ihr im Weg stehen. Worüber wir aber dringend sprechen und nachdenken sollten, das sind die Schwierigkeiten eines Lebens in einer Gesellschaft ohne selbstverständliche Zugehörigkeiten. Menschen können ohne verlässliche Bindungen nicht existieren, jedenfalls die meisten nicht. Wenn wir nun aber die alten Beziehungsgewebe mit ihrer Herrschaft, ihrer Ausbeutung, ihren Ungerechtigkeiten und der Ausnutzung von Abhängigkeiten nicht mehr wollen – wie gestalten wir Zugehörigkeit dann?

Jedenfalls nicht, in dem wir einfach: „Die Liebe ist die Lösung“ rufen. Sondern es geht darum, über Freiheit in Bezogenheit nachzudenken.

Die Liebe kommt und geht wie sie will, sie ist unverfügbar, ein Geschenk, etwas Unvorhergesehenes, Unerwartetes, etwas, das über den Horizont des Machbaren hinausweist. Das bedeutet aber auch: Sie ist nicht unbedingt da, wenn man sie braucht. Sie kann deshalb das Problem der fehlenden Zugehörigkeit nicht lösen.

Und insofern hat sie lediglich ein Sekundärproblem – das der Überlastung durch übersteigerte Erwartungen, die heute an sie gestellt werden.


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Liebe kennt kein Geschlecht! (Echt jetzt?)

Transparent beim CSD in Magdeburg. Mit frdl. Genehmigung: (c) eos.Werbeatelier

Immer wenn irgendetwas angeblich „kein Geschlecht“ kennt, fühle ich mich unbehaglich. Denn in Wirklichkeit kennt ALLES ein Geschlecht, nicht nur Männer und Frauen, sondern auch die Politik, die Mathematik, die Verkehrsplanung und das geputzte oder ungeputzte Klo.

Unsere gesamte Kultur ist durchzogen mit der Geschlechterdifferenz, es gibt kein Thema, bei dem das keine Rolle spielt. Der Grund dafür ist, dass die Geschlechterdifferenz – nicht von ihrem eigenen Prinzip her, sondern aufgrund der Art und Weise, wie sie historisch verhandelt wurde – zum Paradigma für die Differenz generell geworden ist. Das Weibliche steht stellvertretend für das Andere schlechthin in einer Kultur, in der sich das Männliche zur Norm gesetzt hat.

Und nun erst die Liebe!

Dass die Liebe mit der Geschlechterdifferenz eng verknüpft ist, hängt nicht in erster Linie an den heterosexuellen Grundvoraussetzungen der menschlichen Fortpflanzung. Es hängt damit zusammen, dass die Liebe von ihrem Wesen her eine Beziehung zum Anderen ist, die Beziehung zu einer anderen Person, die mir nicht gleicht, die mir nicht nützlich ist, die ich nicht vollständig verstehe, die ich nicht kontrollieren kann – wobei das alles auch in Liebesbeziehungen vorkommen mag, aber es ist nicht ihr Wesentliches. Denn eine Beziehung zu jemandem, der oder die mir gleicht, mir nützt und so weiter kann ich auch ohne Liebe haben. Das Wort „Liebe“ zeigt an, dass solche Gründe nicht alles abbilden.

Nun hat die Frauenbewegung schon lange gegen diese Zumutung protestiert, dass die Frauen das „Andere“ für die Männer repräsentieren sollten. Denn der Preis dafür war ihre Unfreiheit, und das konnte nicht so bleiben. Das Andere kann eine Frau auch in einer anderen Frau finden, das war die großartige Erkenntnis – und die Praxis – des Feminismus. Oder, um es mit der nüchternen Franziska zu Reventlow zu sagen: „Von Frauen weiß man überhaupt sehr wenig, wenn man selber eine ist.“ (Von Paul zu Pedro, S. 43)

Die Aufkündigung des alten Geschlechtervertrags (ein Begriff, den Carol Pateman prägte) von Seiten der Frauen hatte zur Folge, dass es notwendig wurde, anders über alles zu schreiben, die Komplexität der Verhältnisse und die Subjektivität der Frauen einzukalkulieren. Kein leichtes Unterfangen, wenn die kulturellen Codes weiterhin bestehen.

Deshalb flüchteten sich viele, deutlich mehr Männer als Frauen, in eine geschlechterneutrale Darstellung. Während die Geschlechterdifferenz in fast allen Veröffentlichungen von Frauen zu dem Thema durchaus im Blick ist, schreiben die Männer neuerdings über die Liebe, als wäre es völlig egal, ob ein Mann eine Frau liebt oder eine Frau einen Mann oder ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau. Ein schönes Beispiel (aber beileibe nicht das einzige) ist Niklas Luhmann, der bekanntlich – wie so viele – auch ein Buch über die Liebe geschrieben hat. Aber man könnte auch Erich Fromm anführen.

Diese Kehrtwende um 180 Grad könnte man fast lustig finden, wäre sie nicht eigentlich ignorant (gegenüber der Realität, aber auch gegenüber den Schriften und Erkenntnissen der Frauen). Denn schließlich haben wir Bibliotheken voller Bücher geerbt, in denen männliche Philosophen lang und breit erklärt haben, warum die Liebe einer Frau und die Liebe eines Mannes grundsätzlich prinzipiell und wesentlich etwas völlig Unterschiedliches sind, entsprechende Anweisungen inklusive.

Kant zum Beispiel wertete die Liebe des Mannes höher als die der Frau, sie sei weniger wollüstig und zärtlicher, sie wolle dem Gegenstand der Liebe gefallen und jenen nicht nur besitzen (vgl. Agnes Neumeyer, Kritik der Gefühle, S. 277) – eine Idee, die natürlich auch schon lange vor Kant vertreten wurde. Etwa von den alten Griechen, die, wenn sie über die Liebe schrieben, sowieso nur die Liebe zwischen Männern meinten. Überhaupt galten früher prinzipiell die Männer als die besseren Liebenden. Heute ist es lustigerweise genau andersrum (und genauso falsch), was wohl damit zusammenhängt, dass die Liebe mit der Verbürgerlichung ins „Private“ geschoben wurden, also in den weiblichen Aufgabenbereich.

Wie auch immer: Eine Aussage wie „Liebe kennt kein Geschlecht“ kann nicht als Beschreibung der Realität genommen werden, sondern sie ist vielmehr eine Vision, eine Proklamation: „Liebe soll kein Geschlecht mehr kennen!“ Eine Proklamation, die ich unterschreibe, wenn sie in der Bedeutung verstanden wird: „Wir wollen in der Liebe (im Nachdenken darüber wie in ihrem Praktizieren) uns nicht mehr an den alten Klischees über Geschlechterrollen und Heteronormativität orientieren.“

Aber woran dann? Wenn man bedenkt, dass wir nicht viel mehr in unserem kulturellen Fundus haben?

Ein naheliegender Schritt ist es, sich mehr dafür zu interessieren, was Frauen über die Liebe geschrieben haben. Ich lasse daher hier einfach nochmal Franziska zu Reventlow zu Wort kommen, die es 1912 so schrieb:

„Ach, mein Gott, wenn alles immer Liebe oder auch nur etwas Ähnliches sein sollte, wo käme man da hin? Jedes Mal Seligkeit, wenn es anfängt, „Konflikte“, während es dauert, und große Tragik, wenn es zu Ende geht – so etwa schienen diese Gerechten es sich vorzustellen -, nein, das möchte wirklich zu weit führen. Die Frau wolle doch wenigstens die Illusion haben, dass sie liebt, wenn sie einem Manne angehört – meinte jemand, und die anderen stimmten ihm bei. Das ist hart, sehr hart. Schon das diktatorische: die Frau, der Mann. Wer sind diese Frau und dieser Mann? Warum wohl überhaupt diese Sucht, diese schöne Vielfältigkeit des Lebens und seiner Möglichkeiten abzuleugnen oder wenigstens nach Kräften einzuschränken? … „Man“ tut doch schließlich in erster Linie, was einen freut, und weil es einen freut. Und das ist natürlich jedes Mal etwas anderes. Das kann wohl manchmal Liebe und „große Leidenschaft“ sein, aber ein andermal – viele, viele andere Mal ist es nur Pläsir, Abenteuer, Situation, Höflichkeit – Moment – Langeweile und alles Mögliche. … Es kommt „der Frau“ auch gar nicht in den Sinn, sich immer einzureden, dass es Liebe ist, im Gegenteil, das wäre ja manchmal nur peinlich, und sie ist recht froh, dass es sich anders verhält. Man braucht doch auch Erholung vom Ernst des Lebens.“ (S. 13f).


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Warum wir keine Liebeskatastrophe haben

„Liebeskatastrophe“ – das Wort stammt von Iris Radisch. Sie diagnostiziert selbige in ihrem 2006 erschienenen Buch „Schule der Frauen“ und beklagt „das völlige Fehlen von Vorbildern gelingender Liebe in modernen Lebensverhältnissen.“ (S. 75). Sie ist mit dieser pessimistischen Einschätzung keineswegs allein, und sehr oft ist die Klage über die angeblich verloren gegangene Liebe begleitet von einem kritischen Seitenblick auf die Ergebnisse der Frauenemanzipation und die Liberalisierung der Familienbeziehungen im Zuge der 68er-Bewegung. Auch Radisch wettert gegen die „Umdefinition und Schönfärberei der familiären Liberalisierungsschäden“ (S. 78).

In Wirklichkeit ist die Diagnose, die Liebe sei uns verloren gegangen, aber schon viel älter als die Kritik an dem Umbruch der 1970er Jahre. Erich Fromm hat bereits 1956 in „Die Kunst des Liebens“ behauptet, in der modernen Welt sei uns die Fähigkeit, zu lieben, abhanden gekommen, und „den grundsätzlichen Mangel an Liebe in den heutigen menschlichen Beziehungen“ beklagt (S. 43). Denn wahre Liebe, so Fromm, sei „ohne wahre Demut, ohne Mut, Glaube und Disziplin“ (S. 9) nicht zu haben.

Es ist klar, was hier dahinter steckt: die Vermutung, Freiheit und Liebe würden sich gegenseitig ausschließen. Sven Hillenkamp hat 2009 sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben: „Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit.“ Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber im Interview mit Brigitte sagt Hillenkamp ohne Umschweife: „ Die Liebe hat zwei Feinde: den Zwang und die Freiheit.“

Seine These ist, dass die Unendlichkeit der Wahlmöglichkeiten – etwa in Bezug auf die Partnersuche – uns das Lieben, das Eingehen von Liebesbeziehungen heute schwer macht, und ich glaube, damit hat er Recht. Ich halte es aber für falsch, diese Situation als Freiheit zu bezeichnen. Freiheit und Wahlfreiheit sind eben gerade nicht dasselbe – darüber werde ich später nochmal ausführlich bloggen, kurz habe ich es am Ende dieses Vortrags schon einmal angesprochen.

Freiheit und Freiwilligkeit zu verwechseln ist fatal, denn es bringt die Freiheit in Misskredit – und damit letztlich auch die Liebe, denn ohne Freiheit gibt es auch keine Liebe. Aber es ist im Rahmen einer männlichen Interpretationsgeschichte des Begriffes Freiheit verständlich. Die männliche Philosophie hat, verstärkt seit der Aufklärung, Freiheit mit Unabhängigkeit und Autonomie gleichgesetzt. Weniger bekannt ist (aber es wird von Forscherinnen nach und nach ausgegraben), dass es eine große und vielfältige Denktradition von Frauen gibt, die dem schon immer widersprochen haben. Freiheit ist nicht Autonomie, sondern die freie und bewusste und menschenfreundliche Gestaltung der menschlichen Abhängigkeit. (Das erklären zum Beispiel Michaela Moser in diesem Video über Bedürftigkeit und Caroline Krüger in diesem Video über Abhängigkeit).

Auch das Augenmerk der Frauenbewegung in den 1970er und 1980er Jahren lag keineswegs in erster Line auf der Forderung nach gleichen Rechten und mehr Unabhängigkeit für die Frauen (auch wenn es Teilströmungen in diese Richtung gegeben hat), sondern ihre Praxis war die Neuordnung von Beziehungen, und insofern auch der Liebe, unter den Bedingungen ihrer – also der weiblichen – Freiheit. Eine wesentliche Praxis der frauenbewegten Frauen in den 1970er und 1980er Jahren bestand nämlich darin, die bestehenden Beziehungen gerade im Hinblick auf ihre Qualität auf den Prüfstand zu stellen, konkret: schlechte Beziehungen zu beenden – aber gerade nicht, um danach keine Beziehungen mehr zu haben, sondern um Raum zu schaffen für bessere Beziehungen.

Ein blinder Fleck in den kursierenden Wehklagen über angebliche heutige Liebeskatastrophen ist ja zum Beispiel die wie selbstverständliche Fokussierung auf heterosexuelle Paarbeziehungen. Dass die frauenbewegte Kritik an der klassischen Ehe überhaupt erst Freiräume geschaffen hat für die Möglichkeit anderer Liebesbeziehungen, zum Beispiel der Liebe zwischen zwei Frauen oder zwei Männern, wird nicht gesehen. Dabei ging es nicht nur darum, homosexuelle Liebe der klassischen heterosexuellen Norm anzugleichen, sondern es wurde ein viel weiterer Horizont geschaffen, zum Beispiel ging es auch darum, private wie politische Freundschaften unter Frauen gegen die Alleinansprüche eines Ehemannes oder Geliebten auf die Zeit und Zuwendung „ihrer“ Frauen zu stärken.

Dass diese positiven Veränderungen nicht gesehen werden, nicht zum kulturellen Repertoire gehören, liegt zum einen daran, dass der von männlicher Denktradition geprägte Mainstream weiterhin Freiheit mit Autonomie und Wahlfreiheit verwechselt. Zum anderen liegt es daran, dass wir zwar umgeben sind von Diskursen über die Probleme der Liebe, aber selten die Rede ist von gelingender Liebe. Filme und Romane zeigen uns, wie schwierig es ist, zusammen zu kommen, welche Hürden und Hindernisse da zu überwinden sind, aber darüber, wie es nach dem Happy End weitergeht, erzählen sie nichts. Oder sie zeigen uns, was passiert, wenn zwei im Konflikt miteinander liegen, der allzu oft nicht gelöst werden kann.

Insofern hat Iris Radisch mit ihrer Klage über das Fehlen von Vorbildern gelingender Liebe sogar Recht – nur dass der Grund für dieses Fehlen nicht darin liegt, dass es diese gelingende Liebe nicht gäbe, sondern darin, dass sie nicht in die kulturelle Produktion eingeht. Dahinter steht ein klassisches Missverständnis, für das Tolstoi den treffendsten und berühmtesten Beleg geliefert hat, und zwar mit dem Anfangssatz seines Romans Anna Karenina, in dem er behauptet: „Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich.“ Nein, so ist es nicht, es gibt viele, unterschiedliche, ja gegensätzliche Wege, um glückliche und gelingende Beziehungen zu führen. Es wäre ein eigenes (nicht soziologisches, sondern kulturelles!) Forschungsthema.

Mir wurde das bewusst bei einer Veranstaltung in einem Frauenzentrum, bei dem wir über die Bilanzen des Feminismus diskutierten. Dabei klagten viele der anwesenden Frauen darüber, dass „die Männer“ die Errungenschaften und Anliegen des Feminismus nicht beachten würden, dass es deshalb so schwer wäre, mit Männern zusammen zu arbeiten. Das Klischee, der Feminismus habe die Beziehungen zwischen Frauen und Männern geschädigt, hält sich hartnäckig, nicht nur auf Seiten der Konservativen, sondern auch unter feministischen Frauen. Der Unterschied ist nur, dass die Konservativen meinen, man müsse das rückgängig machen, um der „wahren Liebe“ wieder einen Platz einzuräumen, während viele Feministinnen meinen, das sei eben der Preis, der für die Freiheit zu zahlen ist. (Dass es im Zuge der Frauenbewegung durchaus zu Traumatisierungen im Verhältnis von  Frauen und Männern gekommen ist, wie Dorothee Markert analysiert hat, ist gleichwohl richtig, aber dies betrifft meiner Ansicht nach eher den Bereich der politischen Debatte, nicht so sehr den persönlicher Liebesbeziehungen.)

Ich habe dann einfach mal in die Runde gefragt, wie es denn mit den eigenen Liebesbeziehungen aussehe – und siehe da, die meisten der anwesenden heterosexuellen Feministinnen lebten in glücklichen, teilweise langjährigen Beziehungen zu Männern, von denen viele ihr politisches Engagement auch aktiv unterstützen. Ich glaube eigentlich, dass Feministinnen tendenziell eher bessere Liebesbeziehungen haben als Nicht-Feministinnen, und zwar auch, vorausgesetzt, sie sind Heteras, zu Männern: eben weil sie in der Frauenbewegung gelernt und geübt haben, bei Beziehungen auf die Qualität zu achten, diese einzufordern (inklusive der dazu gehörigen Konflikte), und weil sie generell weniger tolerant gegenüber schlechten Beziehungen sind und diese gegebenenfalls auch beenden. Weil sie gelernt haben, dass Freiheit und Liebe sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig bedingen. Jedenfalls ist das für die allermeisten Frauen so (und ich glaube, dass auch immer mehr Männer das so sehen, jedenfalls würde es mich freuen).

Die Diagnose vom „Verfall“ der Liebe in der westlichen Welt ist meiner Ansicht nach falsch. Wir lieben anders als früher, aber sicher nicht weniger und schlechter. Eher besser.


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Homosexualität, Heterosexualität – alles dasselbe?

Wenn es heute um das Verhältnis von heterosexueller und homosexueller Liebe geht, wird das Thema meist von einer rechtlichen Perspektive aus betrachtet. Vor dem Hintergrund, dass (männliche) Homosexualität noch bis vor relativ kurzer Zeit als Straftat galt – und in nicht wenigen Ländern der Welt ja immer noch gilt – und dass gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften gegenüber der heterosexuellen Ehe noch immer handfeste rechtliche Nachteile haben (Stichwort Ehegattensplitting), ist das auch verständlich.

Im Bezug auf die Freiheit der Liebe hat diese Fokussierung auf die Gleichstellung von Homosexualität mit der privilegierteren Heterosexualität jedoch auch zu einer Verengung dessen geführt, was wir uns als mögliche Varianten des Liebens und Geliebtwerdens vorstellen können. Kurz gesagt: Alles orientiert sich am typischen Ideal des Zusammenfallens von romantischer Liebe, Sexualität und Ehe (inklusive Elternschaft). Das ist nun der Maßstab auch für die Liebe zwischen zwei Frauen oder zwischen zwei Männern.

Auf diese Verengung ist schon von mancher Seite hingewiesen worden, aber das Ganze berührt auch noch einen Punkt, der seltener thematisiert wird: und zwar eine gewisse Konfusion, die sich daraus ergibt, dass dieses Liebesideal, das nun zum Maßstab für alle geworden ist, trotzdem wesentlich heterosexuell definiert ist. Oder anders gesagt: Für das, was „Liebe“ meint, sind Vorstellungen von Geschlechterdifferenzen grundlegend, die zunächst einmal bearbeitet werden müssten, wenn wir für die Zukunft Freiheit und Liebe neu zusammen denken wollen. Dieser Schritt wird durch die Behauptung der Gleichheit aller Beteiligten quasi übersprungen, was zu allerlei symbolischem Durcheinander führt.

Ein handfester Unterschied zwischen heterosexuellen und homosexuellen Beziehungen ist zum Beispiel die Möglichkeit, Kinder zu haben. Bei Paaren, die aus einer Frau und einem Mann bestehen, ist diese Möglichkeit – von Unfruchtbarkeit abgesehen – selbstverständlich gegeben, bei gleichgeschlechtlichen Paaren nicht. Wobei es zusätzlich noch einen Unterschied gibt zwischen schwulen und lesbischen Paaren. Während zwei Frauen die Möglichkeit haben, dass eine von ihnen schwanger wird, etwa durch künstliche Befruchtung oder durch Sex mit einem Mann (in der Frauenbewegung der 1970er Jahre kursierten dazu regelrechte Anleitungen) so haben zwei Männer diese Möglichkeit nicht. Sie sind noch mehr auf Hilfe von außen angewiesen: Konkret, auf eine Frau, die bereit ist, an ihrer Stelle ein Kind auszutragen, zur Welt zu bringen, und dann die Verantwortlichkeit für dieses Kind an sie abzutreten.

Man kann natürlich argumentieren, dass diese biologischen Unterschiede durch entsprechende gesellschaftliche Regelungen ausgeglichen werden können, etwa durch die Erlaubnis von Leihmutterschaften, großzügige Adoptionsgesetze und dergleichen. Aber diese Argumentation läuft ziemlich konträr zu einer anderen gesellschaftlichen Debatte, die auch eine Folge der Gleichstellungspolitik der Geschlechter ist – nämlich der immer populärer werdenden Meinung, Kinder brauchten sowohl Vater als auch Mutter, um „gesund“ aufwachsen zu können, sowie der biologistischen Vorstellung, wonach es zum Lebensglück gehört, die eigene genetische Herkunft zu kennen, und Kinder daher ein Recht darauf hätten, diese zu erfahren.

Würde dieses Thema konsequent zu Ende gedacht, müsste die Entwicklung nicht nur zu einer Vervielfältigung von Familienformen sowie von Vater- und Mutterrollen führen, sondern auch dazu, dass der Zusammenhang von Ehe/Liebespartnerschaft und Elternschaft aufgehoben wird. Denn wenn biologische und soziale Eltern nicht mehr in eins fallen, wenn also Kinder mehrere Väter oder auch Mütter haben, dann kann die klassische „Liebesbeziehung“ nicht mehr das sein, was die Eltern, oder besser: die Erwachsenen, die Verantwortung für das Kind übernehmen, miteinander verbindet – wie es ja auch in manchen matriarchalen Gesellschaften der Fall ist, wo die männliche Bezugsperson von Kindern der Bruder ihrer Mutter ist, während die Sexualpartner der Mütter wechseln und keine enge Beziehung zu ihren „leiblichen“ Kindern haben. Verlässliche Väter sind sie vielmehr für die Kinder ihrer Schwestern.

Aber solche Versuche, Sexualität und Elternschaft zu trennen, gibt es nicht nur in fernen Teilen der Welt. Diskursmäßig anknüpfen könnten wir auch an die 1950er und 1960er Jahre hier zu Lande. Eine ältere Feministin hat mir einmal erzählt, sie sei in gewisser Weise froh, dass sie damals jung war und nicht erst später. Denn dass sie Frauen liebt, hat sie als junge Frau noch nicht in die Kategorie „lesbisch“ einsortiert, also mit der Erwartung (oder auch dem Wunsch) verknüpft, ihr ganzes Leben mit einer Frau teilen zu sollen. Stattdessen hat sie „ganz normal“ einen Mann geheiratet und Kinder bekommen, und gleichzeitig Freundinnenschaften gepflegt. Als die Kinder groß waren, trennte sie sich von ihrem Mann und lebt seither mit Frauen zusammen. Sie sagte, sie bedauere manchmal die Frauen meiner Generation, denn wir hätten uns entscheiden müssen zwischen lesbischem Leben und Mutterschaft. Tatsächlich war das so: Keine meiner gleichaltrigen lesbischen Freundinnen hat Kinder – die meisten älteren aber schon.

Auch für schwule Männer war die Trennung von Liebe und Ehe damals eine gängige Option, die teilweise sogar die Form von politischen Forderungen angenommen hat. So schrieb etwa Donald Webster Cory in seinem 1951 erschienenen Buch „The Homosexual in America: A Subjective Approach“, dass die Normalisierung von Homosexualität eine große Bandbreite an Lebensformen hervorbringen könnte, unter anderem eben die, eine Ehe mit einer Frau, inklusive Kinder, und ein erfülltes Sexualleben mit einem Mann zu kombinieren: „Einige Homosexuelle werden heiraten – doch ohne Scham und ohne ihre Homosexualität vor Ehefrau und Kindern zu verbergen.“ (zit. nach Hieber/Villa, S. 91)

Damit bringt er eine damals unter „rebellischen“ Männern verbreitete Praxis zu Papier, wie man in Brenda Knights Buch über „Women of the Beat Generation“ nachlesen kann (S. 62 ff). Jack Kerouac, Neal Cassady und andere genossen es, zwischen ihrem „wilden“ Leben auf der Straße und dem „ehelichen“ Leben inklusive Kindern hin- und her zu pendeln. Ihr homosexuelles Begehren verstanden sie nicht als fixe Identität, sondern als eine von vielen Facetten ihrer Persönlichkeit. Sie wollten und nahmen sich beides – das „homosexuelle“ wie das „heterosexuelle“ Leben mit den jeweiligen Vorteilen. Was natürlich nur funktionierte, weil die ganze mit Kindern und Familienleben zusammenhängende Arbeit, in klassischer heterosexueller Tradition, von den Frauen erledigt wurde.

Es ist leicht, diese Lebensentwürfe von einer vernünftigen und emanzipierten Warte aus abzuqualifizieren. Dass sie aus einem falschen Verständnis von Freiheit (nämlich Freiheit als „Machen können, worauf ich gerade Lust habe“, also Verantwortungslosigkeit) hervorgehen, ist ja geschenkt. Ebenso dass diese „Beatniks“ das gesellschaftliche Machtgefälle zwischen Männern und Frauen schamlos zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt haben.

Aber ich finde dennoch so einiges daran interessant, vor allem, wenn wir berücksichtigen, dass es tatsächlich ein Spannungsverhältnis gibt zwischen sexuellem Begehren, das oft spontan ist und wechselhaft, und der Notwendigkeit kontinuierlicher, verantwortungsvoller und verlässlicher Beziehungen zwischen den Generationen, also zwischen Erwachsenen und Kindern.

In der westlichen Geschichte wurde das Problem durch die Einhegung und Reglementierung von beidem gelöst: Stigmatisierung von jeglichem „Lotterleben“, Beschränkung von Sexualität auf die Ehe (und Prostitution als deren Ventil), gesetzliche Formalisierung von Elternschaft, Ausschluss der Frauen aus den auf Gleichheit gegründeten Institutionen der Männer, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung mit der Folge von schädlich verkitschten Mutterbildern und so weiter. Man könnte auch sagen: durch die offizielle Festschreibung der Vorstellung, dass Liebe und Freiheit unvereinbar sind.

Wenn wir dieses Kuddelmuddel heute in Richtung eines Zusammendenkens von Liebe und Freiheit auflösen wollen, dann könnten historische homosexuelle Alternativen zur heteronormativen Ehe Anregungen geben für andere, freie und liebevollere Lebensformen. Für Lebensformen, in denen Verantwortung und Spontaneität in der Liebe nicht festgezurrt werden auf Dualismen, also Ehe versus Spontaneität, Frauenrollen versus Männerollen, Heterosexuell versus Homosexuell. Wir müssten uns nicht mehr für eines von beiden entscheiden, sondern könnten, je nach Fall und konkreter Situation, die Regeln miteinander aushandeln und überlegen, was den Wünschen der jeweils Beteiligten und den Notwendigkeiten der Welt am besten entspricht.

Das setzt jedoch voraus, dass wir uns von dem Modell des „großen heterosexuellen Paares“ als Keimzelle und Ursprung aller Gesellschaftlichkeit (und einzigem Ort legitimer Elternschaft) verabschieden müssen. Ein Modell, das nämlich weder Liebe noch Freiheit hervorbringt, und das auch nicht besser wird, wenn es aus zwei Frauen oder zwei Männern besteht.

Update: Im Interview mit der Taz (Sonntaz, daher nicht im Netz) am 18./19. Juni 2011 (S. 30) beweist der schwule Verleger Brune Gmünder, dass es das heute noch gibt: „Am liebsten hätte ich eine Frau, Kinder und einen Liebhaber gehabt. Aber die Gesellschaft hat das nicht zugelassen und die Community auch nicht“.

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Dann bist du eben gefickt. Über Sexualität und Gewalt

Dass es in der westlichen Ideengeschichte eine ziemliche Konfusion im Bezug auf das Verhältnis von Sexualität und Gewalt gibt, und zwar bis heute, ist in der Berichterstattung über die Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn erneut deutlich geworden. Ein Großteil der medialen Berichterstattung von taz bis Spiegel hat den Vorwurf, er habe eine Hotelangestellte vergewaltigt, unter die Rubrik „Sexaffäre“ einsortiert (hier eine interessante Zitatensammlung), was zu Recht bei vielen für Empörung sorgte.

Aber der Vorwurf, hier würden Sexualität und Gewalt illegitimerweise miteinander vermengt, ist mehr als eine moralische Bemerkung. Er geht von einem historisch relativ neuen Verständnis von Sexualität aus – nämlich dass das eine Sache sei, die zwei Menschen gemeinsam miteinander tun. Das erscheint uns heute ganz selbstverständlich. Ist es aber nicht. Und die Gründe dafür erschöpfen sich nicht nur in individuellem Versagen einzelner Männer oder Medienleute.

Über Jahrhunderte hinweg ist Sexualität nämlich als Handlung verstanden worden, die ein Mensch mit einem anderen tut, die also per Definition zwischen Ungleichen stattfindet, und zwar genauer noch: zwischen zweien, die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Zwischen einem Aktiven und einer Passiven. Dem „Liebhaber“ und der „Geliebten“.

So zeigt Ruth Mazo Karras in ihrer Studie über Sexualität im Mittelalter, dass vieles von dem, was heute unbestritten dem Bereich des Erotischen zugeordnet wird, damals gar nicht als Sexualität galt: Lesbischer Sex, weibliche Masturbation, Händchenhalten und Küssen unter Mönchen und Nonnen, feurige und tiefgehende Liebeserklärungen, die Männer einander häufig in Briefen (und vermutlich auch in Gesprächen) zukommen ließen. Nach mittelalterlicher Vorstellung hatte all dies nichts mit Sexualität zu tun, weil das zentrale Instrument der Zeugung, nämlich der erigierte Penis, dabei keine Rolle spielte. Und die Zeugung von Nachwuchs war aus kirchlicher Sicht der einzig legitime Zweck des Geschlechtsverkehrs. Nicht Erotik, Erregung und Lust bildeten das Zentrum der Sexualität, sondern das „Reinstecken“ und „Reingesteckt bekommen“, also die beiden ganz eindeutig als aktiv und passiv voneinander abgegrenzten Rollen des Geschlechtsaktes.

Deshalb galt es auch nicht als Sünde, wenn zwei Frauen sich gegenseitig erotisch stimulierten, sondern nur wenn sie sich dabei mit einem Gegenstand penetrierten – denn dies bedeutete, dass sie eine verbotene „aktive“ Rolle simulierten. Auch die Sündhaftigkeit männlicher Homosexualität, damals in der Regel als „Sodomie“ bezeichnet, hing in ihrer sozialen und moralischen Relevanz vom jeweiligen Part ab: Wenn ein Mann einen anderen Mann penetrierte, war das nicht schlimmer, als wenn er mit einer Frau schlief, die nicht die eigene Ehefrau war. Wenn ein Mann es aber zuließ, von einem anderen penetriert zu werden, dann verdrehte er die zugewiesenen Geschlechtsrollen, und sein Vergehen war um ein Vielfaches größer.

Dass Frauen trotz ihrer Passivität und auch, wenn sie vergewaltigt wurden, für sexuelle Vergehen verurteilt werden konnten, zum Beispiel als Ehebrecherinnen, zeigt nur an, dass gleichzeitig auch ein anderes Verständnis von Schuld herrschte: Es ging dabei nicht um individuelle, moralische Verantwortung, die bestraft werden sollte, sondern vielmehr um die Verstrickung in „widernatürliche“ Verhältnisse.

Die strikte Unterscheidung von aktiver und passiver Rolle beim Geschlechtsverkehr bedeutet auch, dass der Akt der Vergewaltigung anders als heute bewertet wurde: Die passive Rolle einzunehmen, bedeutete ja bereits per Definition, Gewalt zu erleiden. Die tatsächliche Gewaltausübung stellte daher keinen großen Skandal dar. Die Frage nach der Zustimmung der Frau wurde schlicht nicht gestellt, denn sie galt als irrelevant – was erklärt, warum es so lange gedauert hat, bis Vergewaltigung (auch in der Ehe) als Straftat angesehen wurde.

Schon immer vermischte sich diese Hierarchisierung zwischen „aktiver“ Männer- und „passiver“ Frauenrolle mit sozialen Hierarchien. So war für Andreas Capellanus, der im 12. Jahrhundert ein Ratgeber-Buch „Über die Liebe“ schrieb, das für die westliche Ideengeschichte überaus wirkmächtig war, völlig klar, dass ein Mann höherstehende „Damen“ keineswegs vergewaltigen darf, „Bauernmädchen“ aber schon: „Versäume nicht, dir sofort zu nehmen, was du wolltest, und mit ihnen unter Gewaltanwendung den Beischlaf zu vollziehen.“ (S. 163) Interessant ist, wie er das begründet, nämlich keineswegs mit der aus den sozialen Hierarchien folgenden puren Macht, sondern mit dem „Argument“, dass Frauen aus unteren Schichten für die ausgefeilten Wendungen der Minne-Werbung ohnehin unempfänglich seien: „Du wirst sie in ihrer Grobheit nämlich von außen kaum so gefügig machen können, dass sie sich damit einverstanden erklären.“ (ebd)

Die Vorstellung, dass die „unteren“ Schichten (Arbeiter_innen, Sklav_innen, „Wilde“ in den Kolonien) für die subtilen Formen „wahrer“ Liebe ohnehin nicht empfänglich seien und sich ihr Geschlechtsleben auf puren, quasi animalischen Sex beschränke, war die traditionelle Legitimation dafür, dass Frauen aus diesen Gruppen weitgehend straflos vergewaltigt und Männer aus diesen Gruppen ohne große Beweisführung der Vergewaltigung „höherstehender“ Frauen beschuldigt und dafür verurteilt werden konnten.

Diese Denkfigur ist durch die rechtliche Emanzipation dieser Bevölkerungsgruppen im Übrigen keineswegs aufgelöst worden. Denn der Preis dafür, dass sie nicht mehr in die Kategorie „Ohnehin nicht liebesfähig“ einsortiert werden, ist die vollständige Anpassung an eine bürgerlich-heterosexuelle Liebesordnung. Das zeigt sich immer wieder – und auch im aktuellen Fall der Hotelangestellten, die Strauss-Kahn vorwirft, sie vergewaltigt zu haben – daran, dass sie ihr Privatleben auf „bürgerliche Wohlanständigkeit“ hin durchforschen lassen müssen, wenn sie ihre Rechte formal durchsetzen wollen. Noch immer wirkt sich ein promiskes Liebesleben negativ auf die Prozesschancen von Vergewaltigungsopfern aus – wofür es aber keinen vernünftigen Grund gäbe, wenn Sexualität tatsächlich als wesentlich gewaltfreie Angelegenheit verstanden würde, also als etwas, das Menschen miteinander tun und nicht einander „antun“.

Für mich stellt sich bei all dem die Frage, warum eigentlich diese alte und längst für überholt gehaltene Vorstellung von Sexualität als Gewalt, als Vorgang, bei dem aktiver und passiver Part klar unterschieden sind, so langlebig ist. Manche mögen beim Lesen dieses Textes gedacht haben: Was soll dieses Gerede über das Mittelalter, die Zeiten haben sich doch längst geändert!

Und in der Tat, sie haben sich geändert! Dank der Frauenbewegung haben wir heute ganz andere Gesetze, in unseren Regalen stehen haufenweise Bücher, in denen Sexualität als egalitärer, lustvoller Akt zwischen Menschen beschrieben wird, die Zeitschriften und Kinos sind voll von Geschichten über Menschen, die sich lieben und einander als Gleichwertige begegnen. Warum eigentlich kommen diese ollen Kamellen trotzdem immer wieder an die Oberfläche – gegen unseren kollektiven Willen sozusagen? Warum gelingt es uns nicht, unsere kulturellen Bilder endlich in neue Bahnen zu lenken, obwohl wir uns doch wirklich Mühe geben?

Vielleicht liegt es daran, dass wir den Zusammenhang von Macht und sexueller Gewalt bislang immer nur in eine Richtung gedacht haben – nämlich so, dass sich politische und gesellschaftliche Macht in Form von sexueller Gewalt manifestieren kann und dadurch gewissermaßen befestigt und bestätigt.

Die italienische Philosophin Diana Sartori hat aber kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass es hier auch darum geht, was wir eigentlich unter Macht verstehen. Sie schreibt: „Die Macht trieft nur so von Bildern männlicher und sogar reaktionärer männlicher Sexualität. Herrschaft und Unterordnung sind symbolische Synonyme der aktiv/männlichen und der passiv/weiblichen sexuellen Rolle: Wer befiehlt, ist der aktive Mann, und wer keine Macht hat, ist ‚gefickt’, also passiv-weiblich, selbst wenn es sich um einen Mann handelt. Der Macht ausgeliefert zu sein, macht weiblich, und Macht auszuüben macht männlich. Ein italienisches Sprichwort lautet ‚Befehlen ist besser als Ficken’, und es ist wirklich nicht leicht zu sagen, ob hier die Macht als Ersatz für Sex vorgeschlagen wird, oder ob der Sex als Machtausübung ausgemalt wird. Beides geht Hand in Hand, und nicht nur im Sinne einer Analogie, sondern im Sinne einer viel direkteren Verknüpfung.“

Mich brachte das auf die Idee, dass darin vielleicht eine Erklärung liegen könnte für diese merkwürdige Langlebigkeit der Vorstellung, Sexualität sei ein hierarchischer Vorgang mit aktiv-passiver Rollenaufteilung und daher letztlich immer tendenziell mit Gewalt behaftet: Weil wir genau so Macht definieren. Und weil wir zwar alle (oder doch die meisten von uns) inzwischen der Auffassung sein mögen, dass Gewalt und Hierarchien im Intimleben der Menschen nichts verloren haben – aber gleichzeitig ganz selbstverständlich akzeptieren, dass es ansonsten natürlich „Macht“ geben muss. Eine Macht, die zwar eingehegt ist durch Gesetze, die aber gleichzeitig durch Institutionen und Verhältnisse ständig neu hervorgebracht wird.

Sexualität jedoch ist von ihrer Natur her mit Verletzlichkeit verbunden, mit Hingabe und Sich Ausliefern, mit Kontrollverlust und eingeschränkter Rationalität, mit der Überschreitung von Grenzen, mit der Öffnung hin zu sehr großer Intimität, mit Durchlässigkeit. Mit Konstellationen also, die sich der Logik der Gleichheit und der Rechte letztlich nicht fassen lassen.

Meine These ist: Solange große gesellschaftliche Bereiche nach dem Muster von Befehl und Gehorsam organisiert sind, solange ist auch „gefickt sein“ eine mögliche, aber fatale Metapher für menschliche Beziehungen. Oder anders gesagt: Solange es „Machthaber“ gibt in dem Sinne, wie Dominique Strauss-Kahn ganz unbestreitbar einer war, solange es also Positionen gibt, die Menschen in die Lage versetzen, anderen „einen reinzuwürgen“ – solange wird auch unsere Sexualität nicht frei sein von der Gefahr, mit eben solchen Bedeutungsebenen überlagert zu werden.


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Let’s talk about love!

Es ist unglaublich, wie viele Bücher über die Liebe geschrieben wurden und immer noch werden. Durch die Jahrtausende hinweg haben fast jeder große Philosoph und auch viele Philosophinnen (wenn auch, meiner bisherigen Beobachtung nach, weniger) ein Buch über die Liebe im Portfolio. Und auch heute ist der Markt an Liebesliteratur – und zwar nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher – schier unüberschaubar.

Dieser Befund steht in einem sehr merkwürdigen Widerspruch zu der Tatsache, dass „Liebe“ im öffentlichen Diskurs praktisch keine Rolle spielt. Weder in der Bildung, noch in der Politik, noch in der Wirtschaft ist „Liebe“ eine relevante Kategorie. Die wesentliche Ursache dafür ist natürlich, dass „Liebe“ mit der bürgerlichen Aufspaltung der Gesellschaft in eine männlich-öffentliche und eine weiblich-private Sphäre in letztere einsortiert wurde. Aber es gibt wohl noch einen anderen Grund und zwar, dass sich das Sprechen über Liebe den Sprechgewohnheiten, wie sie sich für den öffentlichen Diskurs eingebürgert haben, entzieht.

Denn was ist eigentlich Liebe genau?

Für Ovid und Erich Fromm ist sie eine Kunst. Glaubt man den vielen Ratgeberbüchern, so scheint sie eher harte Arbeit zu sein. Oder auch ein Luxus, den man sich erst dann leisten kann, wenn die Karriere in trockenen Tüchern ist. Niklas Luhmann hält die Liebe für einen Code, Sigmund Freud erkannte in ihr (wie übrigens auch schon manche alten Griechen) eine Krankheit. Harry Frankfurt und Frank Schirrmacher halten sie für eine evolutionär herausgebildete Notwendigkeit menschlicher Gesellschaften.

Unübersehbar ist das Sprechen über Liebe zudem geschlechtlich konnotiert. Man kann über Liebe nicht sprechen, ohne gleichzeitig über die Geschlechterdifferenz zu sprechen. Das heißt aber nicht, dass der Befund einheitlich wäre. Robin Norwood landete mit der Behauptung, Frauen würden „zu viel“ lieben, nicht zufällig einen Bestseller. Die allgemeine Auffassung scheint in der Tat dahin zu gehen, dass Frauen zu viel und Männer zu wenig lieben. Doch es gibt auch die genau gegenteilige Diskurslinie. Ihr herausragender Protagonist ist ein mittelalterlicher Denker namens Andreas Capellanus: Seiner Ansicht nach lieben Frauen eigentlich nie, sondern sind immer nur hinter dem Geld der Männer her. Eine Stimme, die, auch wenn der Autor heute meistens unbekannt ist, doch eine enorme Wirkungsgeschichte entfaltet hat. Heute feiert sie unter Maskulinisten wieder fröhliche Urstände.

Ein anderer interessanter Streit rankt sich um die Frage, ob Liebe zeitlos oder historisch veränderbar ist. Während viele behaupten, die Regeln des „Spiels der Liebe“ hätten sich „seit Ovid nicht verändert“ (so das Cover zur Neuauflage seines Buches), so behaupten andere, wir heutigen Menschen wüssten eigentlich gar nicht mehr, was Liebe ist, weil wir viel zu egoistisch, konsumorientiert und materialistisch eingestellt wären. Eine nicht unwesentliche Diskurslinie sieht natürlich auch den Feminismus in der Schuld, der den Frauen ihre „natürliche Liebesfähigkeit“ ausgetrieben hätte.

Letzten Endes könnte man versucht sein, sich darauf zu einigen, dass sich Liebe eben nicht fassen lässt. Diesem wohl allzu leichtfertigen Konsens widerspricht aber unter anderem bell hooks, und zwar zu recht, denn er ermöglicht es, dass Verhaltensweisen unter „Liebe“ subsumiert werden, die ganz eindeutig keine Liebe sind: etwa die (sowohl unter Männern als auch unter Frauen) verbreitete Behauptung, man könne die „Geliebte“ schlagen, bevormunden, gar einsperren – und gleichzeitig lieben.

Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, über Liebe zu sprechen ohne dass es beliebig wird, aber dennoch auch ohne den Versuch, sie in eine Definition zu zwängen. Liebe, um es mit Hannah Arendt zu sagen, ist ein Ereignis. Oder, mit Andrea Günter: Liebe ist eine Beziehungsqualität. Ein Geschehen, das sich einfachen Definitionen entzieht, über das sich aber durchaus sprechen lässt.

Die Schwierigkeit, Liebe zu definieren, kommt daher, dass sie keine Dualismen verträgt. Das Gegenteil stimmt immer auch. Und das Gegenteil ist immer genauso falsch.

Jedenfalls ist ein wissenschaftlicher Jargon für das Sprechen über die Liebe ungeeignet, denn sie lässt sich nicht sauber sezieren und falsifizierbar identifizieren. Über Liebe kann man nur in der  Muttersprache sprechen. In jener Sprache also, mit der wir uns die Welt aneignen und die eigene Position darin finden, auch wenn wir die Dinge nicht auseinander nehmen und im  Griff haben. Kinder lernen die Worte für Dinge auch nicht über Definitionen. Die Erwachsenen sagen dem Kind ja auch nicht: „Ein Stuhl ist eine Sitzgelegenheit mit ungefähr vier Beinen und einer Lehne“, sondern sie zeigen auf einen Stuhl und sagen: „Das ist ein Stuhl“.

Liebe ist eine Tatsache. Es gibt sie. Sie ist zuweilen anwesend, zuweilen aber auch abwesend. Und auch wenn man Liebe nicht definieren kann, so lässt sich doch zumeist in einer gegebenen Situation feststellen, ob da Liebe ist. Man kann sich an der Liebe freuen, sich von der Liebe stärken lassen, über ihr Fehlen traurig sein, sie sich ersehnen.

Vor lauter Verzweiflung über diese Unfassbarkeit der Liebe wird sogar versucht, das Phänomen biologistisch in den Griff zu bekommen, wie aktuell wieder an der Uni Erlangen. Aber Liebe ist keine Sache, die sich mit Hilfe von Hormonen oder anderen rein körperlichen Phänomenen fassen ließe – auch wenn sie natürlich eine durch und durch körperliche Angelegenheit ist, was ja gerade einen Großteil ihres Charmes ausmacht. Aber das, was wir für Liebe halten, existiert eben niemals ausschließlich im Körper, sondern es ist immer schon das Ergebnis eines kulturellen Aushandlungsprozesses, ohne den sich das Thema nicht sinnvoll beschreiben lässt. Um es in den zu recht berühmten Worten von Denis de Rougemont zu sagen: „Wenige Menschen wären verliebt, wenn sie niemals von Liebe hätten reden hören“ (S. 181)

Liebe ist kontingent, es gibt sie nicht „an und für sich“, sondern nur in einer konkreten Situation. Aber deshalb entzieht sie sich noch nicht der theoretischen Reflektion. Liebe ist kontingent, „zufällig“, aber sie ist nicht einfach eine individualistische, persönliche Angelegenheit, sondern eine politische, gesellschaftliche Kategorie. Und genau dort, in den öffentlichen Aushandlungsprozessen, müsste mehr von Liebe zu spüren sein.

Daher: Let’s talk about love!


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Freiheit braucht Liebe

Öffentlich über Liebe zu sprechen, ist heutzutage schwierig. Freiheit und Liebe sind verbrauchte Worte, um eine Formulierung der Philosophin Chiara Zamboni zu benutzen. Sie werden für alles und nichts verwendet, sind verkitscht, instrumentalisiert, zu Platzhaltern geworden für leere Versprechungen und dumme Phrasen.

Dass ich sie dennoch verwende, liegt daran, dass ich für das, was ich sagen will, keine besseren Begriffe gefunden habe. Zum anderen hoffe ich, dass wir diese beiden Wörter wiederbeleben und in den politischen Diskurs zurückführen können, wo sie dringend benötigt werden.

Und zwar aus zwei Gründen, wie ich meine.

Der erste Grund ist das Scheitern der gegenwärtigen Politik der Rechte oder gar des noch unpersönlicheren „freien Marktes“. Gegenwärtig wird ja diskutiert, wer wen kontrollieren muss, ob wir mehr Politik in der Wirtschaft brauchen, während bis vor kurzem die Wirtschaft Vorrang gegenüber der Politik hatte. Doch das ist eine falsche Alternative. Ich meine, weder Politik, so wie wir sie derzeit verstehen, noch die freien Kräfte des Marktes sind zukunftsfähig.

Das bringt mich zu meinem zweiten Punkt, nämlich der von Soziologen beobachten Renaissance romantischer Liebesvorstellungen und dem Wunsch vieler junger Menschen, vor allem Frauen, wieder zurück in heimelige Beziehungswelten zu gehen. Dies halte ich für einen sehr verständlichen Wunsch, der jedoch gefährlich ist, solange diese liebenden Beziehungswelten als unpolitisch verstanden werden, als Abkehrung von der Welt.

Deshalb möchte ich zeigen, dass die beiden Dinge zusammen gehören: Freiheit und Liebe.

Es gibt in unserer Kultur die starke Denkfigur, dass Freiheit und Liebe eigentlich nicht zueinander passen, sich womöglich sogar gegenseitig ausschließen. Man hält die Liebe für etwas, das in der Öffentlichkeit nichts verloren hat. Liebe ist kein politisches Argument.

Gleichzeitig soll, wem seine Freiheit am Herzen liegt, sich möglichst nicht „binden“. Dies ist das Bild des lone and lonesome Cowboy, der sich unbelastet von privaten Verpflichtungen, für die Freiheit in der Welt einsetzt. Es ist offensichtlich ein stark männerlastiges Bild, denn es sind die Frauen, die die Helden durch ihre heimelige Küche in Versuchung führen. Diese Gefahr haben jedenfalls Revolutionäre zu allen Zeiten an die Wand gemalt. Und doch ist es ein Bild, das heute auch für Frauen gilt. Denn: Wenn Frauen zu sehr lieben, ist ihre Emanzipation in Gefahr, wie uns der Titel eines Bestsellers verkündet. Der Cowboy und die emanzipierte Frau haben die Wahl: Entweder sie folgen ihrer Liebe und ziehen sich ins traute Heim zurück, oder sie ziehen hinaus in die Welt, erfolgreich und aktiv, aber einsam.

In meinem Bild hingegen sind Liebe und Freiheit keine Gegensätze, sondern brauchen sich gegenseitig. Und zwar braucht nicht nur die Liebe die Freiheit – das haben wir durch die Frauenbewegung, die den Skandal der weiblichen Unfreiheit, die in patriarchalen Liebesbeziehungen herrschte, ja zum Thema gemacht hat, bereits gelernt. Sondern noch wichtiger ist es andersherum: Freiheit braucht Liebe.

Damit meine ich nicht, wie heute öfter gesagt wird, dass die Freiheit angeblich ausgeufert sei und irgendwie, möglicherweise durch die Liebe, eingehegt und begrenzt werden müsse. Das ist in letzter Zeit ja wieder vermehrt zu hören, besonders im Hinblick auf das Freiheitsbestreben der Frauen, dem man vorwirft, die Liebe untergraben und die Menschen unglücklich gemacht zu haben. Darüber zu lamentieren, dass uns heute angeblich die Liebe fehlt, ist vor allem in konservativen Feuilletons en vogue, und nicht zufällig richtet sich dieser Appell zuerst an die Frauen, denen die westliche Kultur die Rolle der Hüterinnen der Liebe zugewiesen hat.

In diesen Chor möchte ich ausdrücklich nicht einstimmen. Wer sagt, wir hätten zu viel Freiheit und zu wenig Liebe, bekräftigt ja wieder den Gegensatz, den ich gerade bestreite. Wir haben nicht zu viel Freiheit, sondern zu wenig.

In meiner Erzählung hätten der Lonely Cowboy und die emanzipierte Frau am Ende des Films sich nicht zwischen häuslichem Rückzug in die Liebe und einsamem Kampf für die Freiheit zu entscheiden. Sondern sie würden merken, dass gerade die Liebe es ihnen überhaupt ermöglicht, in der Welt für freiheitliche Ideale einzutreten. Die Liebe fesselt nicht ans Haus, sie macht im Gegenteil stark, um für eine bessere Welt hinaus in die Öffentlichkeit zu ziehen.

Als Zeugen rufe ich dabei zunächst einmal die antiken Philosophen an. Denn unsere Vorstellung, dass Liebe und Freiheit einander entgegengesetzt seien, ist vergleichsweise jung. Sie ist ein Kind der Moderne. Vorher, und diese Entdeckung hat mich, zumindest in dieser Deutlichkeit überrascht, ist der Zusammenhang von Liebe und Freiheit ein im Bereich der politischen Theorien viel diskutiertes Thema gewesen.

Aristoteles etwa preist die Liebe geradezu als sozialpolitische Maßnahme an – Liebende sorgen in schlechten Zeiten füreinander. Die Liebe, schreibt Aristoteles, bietet Hilfe bei Armut oder im Alter. Sie ist es, die die Polisgemeinden zusammen hält und die Gesetzgeber dazu bringt, sich um Gerechtigkeit zu bemühen.

In den deutschen Übersetzungen ist hier freilich meist nicht von Liebe, sondern von Freundschaft die Rede. Doch das griechische Wort philia hat einen durchaus leidenschaftlichen, begehrenden Aspekt, freilich nur unter Männern, denn Aristoteles hielt wie viele seiner Zeitgenossen Frauen für minderwertig und schloss sie von der Polis, der Politik und der Öffentlichkeit, aus.

Über das schwierige Zusammenspiel zwischen Liebe und Freiheit wurden ganze Dramen geschrieben, etwa Shakespeares Tragödie Julius Caesar, die sich mit dem Dilemma des Brutus beschäftigt. Er muss politisch gegen einen Menschen vorgehen, den er liebt, und ihn am Ende sogar ermorden. Dass Liebe und Freiheit im Handeln des Brutus auseinanderfallen, auseinanderfallen müssen, schildert Shakespeare als echtes Problem, als wirkliche Tragödie, mit einem schlechten Ende, nicht nur für Julius Caesar, sondern auch für Brutus und für das Römische Reich.

Dies sind nur zwei vergleichsweise zufällige Beispiele. Die ganze vormoderne politische Diskussion ist durchzogen von Reflektionen über den zwar durchaus schwierigen, aber eben immer vorhandenen Zusammenhang von Freundschaft und Politik, von Liebe und Freiheit also. Der einzige Grund, warum uns das nicht ins Auge fällt ist der, dass wir gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Männern nicht mehr als „Liebesbeziehungen“ identifizieren, weil wir Liebe auf den sehr engen Bereich intimer Paarbeziehungen reduziert haben.

Vielleicht muss ich nun doch ein Wort dazu sagen, was ich unter Liebe verstehe. Das Problem ist, dass sich Liebe nicht definieren lässt, denn sie existiert nicht abstrakt, sondern nur im konkreten Fall. Wir haben uns allerdings angewöhnt, Regeln für das aufzustellen, was wir als „richtige“ Liebe gelten lassen, zum Beispiel, dass sie heterosexuell ist, dass dabei Sexualität nicht nur eine Rolle spielen kann, sondern auch praktiziert werden muss, wenn es richtige Liebe sein soll, dass Liebe unvergänglich ist und so weiter. Fast alle Bücher über die Liebe versuchen eine Kategorisierung – unterscheiden etwa zwischen Paarliebe, Mutterliebe, Selbstliebe oder zwischen Verliebtsein und „reifer“ Liebe und so weiter. Natürlich haben all diese Unterscheidungen eine gewisse Plausibilität, ich glaube aber, dass sie unser Nachdenken über Liebe eher behindern als fördern. Denn ich glaube, dass der eigentliche „Kern“ der Liebe bei allen ihren Erscheinungsformen derselbe ist.

Eine schöne Beschreibung dafür habe ich in Annemarie Schwarzenbachs Erzählung „Eine Frau zu sehen“ aus dem Jahr 1930 gefunden. Die Erzählerin beschreibt, wie sie im Fahrstuhl einer unbekannten Frau begegnet: „Ich erstaune vor der schönen und leuchtenden Kraft ihres Blickes, und nun begegnen wir uns, eine Sekunde lang, und ich fühle unwiderstehlich den Drang, mich ihr zu nähern, herber, schmerzlicher noch, dem ungeheuren Unbekannten zu folgen, das sich wie Sehnsucht und Aufforderung in mir regt.“

Liebe ist eine Art und Weise, sich in Beziehung zu setzen, und zwar eine, die nur teilweise etwas mit dem Verstand und der Vernunft zu tun hat. Sie ist eine Folge unseres Begehrens, das für uns selbst nur teilweise verfügbar ist, deshalb wurde früher, als darüber noch diskutiert wurde, häufig auch gesagt, dass man Liebe erleidet, sich ihr hingeben muss. Liebe ist kein Gefühl, sondern ein Ereignis, wie Hannah Arendt es formuliert hat, und Annemarie Schwarzenbach es so poetisch schildert.

Liebe heißt nicht, jemanden oder etwas sympathisch oder nett zu finden, sondern sich in eine begehrende Beziehung dazu setzen, was mit Emotionen, mit körperlichen Erregungen, vor allem aber mit Interesse zu tun hat im wörtlichen Sinn von Inter-Esse, es ist etwas zwischen uns, das uns, obwohl wir zwei sind, verbindet. Es gibt eine Verbindung zwischen mir und ihr, zwischen mir und ihm – ein Band, das den undefinierbaren Namen „Liebe“ trägt und das dieser Beziehung einen bestimmten Charakter gibt.

Meine Frage ist nicht: Wie fangen wir an, zu lieben? Denn ich behaupte, wir alle lieben sowieso, weil Liebe sich immer ereignet. Meine Frage ist vielmehr: Wie gehen wir mit diesem Ereignis um? Wenn uns so etwas geschieht, wie der Frau in Schwarzenbachs Erzählung: Dass wir einer schönen und leuchtenden Kraft begegnen, dass wir erstaunt sind und den unwiderstehlichen Drang fühlen, uns ihr zu nähern: Was machen wir dann? Nehmen wir das ernst? Haben wir das politisch auf dem Radar? Gewinnen wir daraus Freiheit, Mut und Stärke? Oder halten wir das für eine Nebensächlichkeit, eine Versuchung, gar eine Schwäche?

Die Liebe, die sich ereignet, ist gestaltbar, auch wenn wir sie nicht in der Hand haben. Liebe kann sich auf andere Menschen richten, aber im Übrigen auch auf Dinge, auf Länder, auf die Heimat, auf Werke, auf Gott. Sogar auf unsere Feinde, um eine andere große Denkschule zu zitieren, für die die Liebe eine Vorbedingung der Freiheit war, das frühe Christentum.

Eine Liebesbeziehung ist niemals formalisierbar, niemals in Rechtsbegriffen zu fassen, ihre Dauer ist ungewiss und sie ist doch verbindlich, sie setzt Energien frei und ist eine große Motivation, und vor allem eine Motivation dazu, Differenzen nicht als Graben, als Grenze zu sehen, sondern sie überbrücken zu wollen. „Dem ungeheuren Unbekannten zu folgen“, wie Annemarie Schwarzenbach schreibt.

Gerade dieser Aspekt der Liebe ist es, der heute wichtiger denn je ist, wo wir angesichts einer globalisierten Welt mit der Frage der Differenzen auf politischem Gebiet so sehr zu kämpfen haben. Die Frage, wie universale Werte zusammengehen könnten mit kulturellen Differenzen ist ja die große ungelöste Frage unserer Zeit, und die Antworten, die gegeben werden, bewegen sich immer auf der Ebene der Ausbalancierung, des Mehr oder Weniger: Wo dürfen die „Anderen“ ihre Eigenart behalten und wo müssen sie sich den „allgemeinen“ Regeln anpassen? Aus der Perspektive der Liebe stellt sich die Frage anders: Wo finden wir die anderen so erregend, faszinierend, herausfordernd, dass wir gerne eine Beziehung zu ihnen haben möchten, obwohl unsere Interessen gegensätzlich sind und wir ihre Meinungen nicht teilen?

Ich glaube, diese Frage ist heute wichtiger geworden, als sie früher war, weil wir heute weniger als früher gezwungen sind, uns mit den Anderen überhaupt abzugeben. Die neuen Informationstechnologien machen es möglich, uns nur noch mit Gleichgesinnten zu umgeben. Früher bekamen wir die ganze Zeitung geliefert, inklusive all jener Themen und Berichte, die uns gar nicht interessieren, wie Fußballergebnisse oder neue Forschungen der Astralphysik. Heute können wir Newsgroups im Internet abonnieren, die uns nur jene Nachrichten in die Eingangsbox spülen, die auf unser Interessensgebiet passen. Wir leben nicht mehr in kleinen Dörfern, wo wir uns notgedrungen auch mit Leuten auseinandersetzen müssen, deren Lebensstil und Lebenshaltung dem unseren völlig konträr sind. Heute leben wir in großen Städten und sind geografisch mobil, sodass wir uns nur mit Unseresgleichen abzugeben brauchen. Wir diskutieren in Mailinglisten mit den Leuten, die eine ähnliche Meinung vertreten. Und bevor wir uns mit einem möglichen Beziehungspartner überhaupt nur treffen, haben wir schon all jene Kriterien ausgeschlossen, von denen wir meinen, sie kämen für uns nicht in Frage: Das falsche Einkommen, das falsche Gewicht, der falsche Beruf. Toleranz kann in dieser Situation nicht mehr die Gemeinsamkeit stiftende Tugend sein, denn von den „Anderen“ erfahre ich ja nur noch medial vermittelt, konkret kommen sie in meinem Leben immer seltener vor.

Es gibt eine schöne Geschichte in dem Buch Jauche und Levkojen von Christine Brückner, die das anschaulich macht. Darin beschreibt sie das Leben in Pommern vor dem Zweiten Weltkrieg auf einem abgelegenen Gut. Dort lebt zurückgezogen ein alleinstehender Mann, der Gutsinspektor. Und jede Hauslehrerin, die auf dieses Gut kommt, verliebt sich in ihn. So ein geringes Angebot an möglichen Liebespartnern erscheint uns heute absurd, wo wir im Internet das Profil von tausenden Kandidaten durchstöbern können und dann den herauspicken, der am besten unseren Anforderungen entspricht.

Wenn unser künftiger Liebespartner hundertprozentig zu uns passt, so bilden wir uns ein, dann werden wir ihn auch lieben. Eine Logik, die sich nicht sonderlich von der Praxis der arrangierten Ehen in anderen Kulturen unterscheidet, wo die Eltern sich ja auch bemühen, einen möglichst „passenden“ Kandidaten zu finden. Und wenn die Profile hundertprozentig zueinander passen, so meint man hier wie dort, ist Liebe eigentlich nicht mehr nötig, denn das eigene Interesse, das perfekte Zusammenspiel, ist doch Motivation genug.

Das befreiende und erregende an der Liebe ist aber doch, dass sie eine Beziehung jenseits von nützlichen Gründen, gemeinsamen Interessen und dergleichen stiften kann. Oder, wie das Beispiel der Hauslehrerinnen in Ostpommern zeigt: Je kleiner das Angebot an „passenden“ Beziehungsobjekten ist, desto offener sind wir dafür, uns auch in ein „unpassendes“ zu verlieben.

Damit will ich nicht sagen, dass die Lage der Hauslehrerinnen in Ostpommern ein idealer Fall ist. Sicher ist es schön, wenn in der Liebe auch Interessen und Nützlichkeiten zusammenfallen. Es ist aber dann schwerer, zu merken, wenn das Eigentliche der Liebe, die Offenheit für das Andere, das wirkliche Inter-Esse an der Person (und nicht in ihrem Nutzen für mich) fehlt. In der Literatur kennen wir das von dem alten Dilemma der Reichen: Liebt sie mich wegen mir? Oder weil ich mal die Fabrik erbe?

Das Problem ist, dass das heute offenbar viele gar nicht mehr als ein Dilemma sehen. Was soll so schlimm daran sein, wenn ich wegen meines Nutzens geliebt werde? Ist das nicht ein verlässlicheres Band als diese vage Erregtheit, dieses unkalkulierbare Ereignis der Liebe?

Eine großartige Abhandlung zu diesem Paradoxon, das genau den Spannungspunkt zwischen Liebe und Freiheit markiert, hat übrigens Platon geschrieben. In seinem „Phaidros“ behandelt er die interessante Frage, ob wir unsere Gunst einem Bewerber schenken sollen, der in uns verliebt ist, oder lieber demjenigen, der die vernünftigsten Gründe für eine Beziehung anführt. Sokrates plädiert hier in einer Hommage an Eros für den „Rausch“ des Verliebtseins, der gegenüber der nutzenrationalen Betrachtung die bessere Wahl sei, jedoch mit einer Bedingung: Dass nämlich dieser erotische Rausch seine Ursache nicht in den körperlichen Trieben hat, sondern „durch göttliche Schickung entsteht“.

Damit weist Platon auf einen Faktor hin, der für die Liebe in der Tat wichtig ist, wenn sie Freiheit ermöglichen soll: die Transzendenz. Denn das ist der Grund für die Unverfügbarkeit der Liebe. Dieses Ereignis, dass wir lieben oder geliebt werden, ist nicht einfach nur ein banaler Zufall oder gar ein Ausstoß irgendwelcher Hormone oder Triebe, sondern es verweist auf etwas Jenseitiges, eine Transzendenz, auf Gott – auf einen Maßstab also, über den wir immanent, innerweltlich nicht verfügen können. Wo geliebt wird, weht der Heilige Geist, könnte man sagen.

Jene Institution hingegen, die wir heute im Allgemeinen als selbstverständlichen Ort der Liebe denken, nämlich die Ehe, spielte in der antiken und vormodernen Debatte über die Liebe überhaupt keine Rolle. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau hat nach damaliger Vorstellung mit Liebe aber auch gar nichts zu tun – und das ist auch logisch, denn die Ehe ist ja ganz offensichtlich eine Zweck- und Interessensgemeinschaft und als solche auf Liebe nicht angewiesen. Es gibt aus früheren Jahrhunderten regalweise Abhandlungen darüber, warum Ehe und Liebe nicht zusammenpassen und nichts miteinander zu tun haben, und häufig wurde das dann noch erweitert dahingehend, dass die Autoren meinten, dass Frauen und Männer sich nicht lieben könnten oder, noch genauer: dass Frauen nicht liebenswert seien.

Dies änderte sich jedoch mit der Moderne, und im Bezug auf die Liebe ergab sich im 18. Jahrhundert eine wichtige Verschiebung: Spätestens seit der Romantik wurden Frauen in den Liebesdiskurs integriert. Erstmals wurden Frauen nun auch in einem männlichen Diskurs als Gegenüber in Betracht gezogen, als liebenswert, als interessant, als Objekt des männlichen Begehrens, und zwar nicht nur innerhalb der Ehe, sondern auch in außerehelichen Beziehungen, das nannte man dann „platonische“ Liebe. Auf Platon komme ich gleich noch. Aber es entstand nun auch die Idee, dass Mann und Frau in der Ehe nicht nur gemeinsam wirtschaften, Kinder zeugen und allgemein ihr Leben organisieren sollen, sondern dass sie sich auch lieben.

Allerdings passierte gleichzeitig etwas geradezu Tragisches. Denn die damals neu entstehenden demokratischen Ideen schlossen trotzdem die Frauen aus dem Bereich des Politischen aus. Man könnte es auch so sagen: im selben Moment, in dem die Liebe heterosexuell wurde, wurde die Politik männlich-homosexuell. Und damit begann der Abstieg der Liebe in den Bereich des Privaten, ihr Ausschluss aus der Öffentlichkeit, so entstand die Idee, dass Liebe und Politik nichts miteinander zu tun hätten. Und in diesem Konglomerat entstand dann eine höchst verhängnisvolle Idee, die die Bedeutung der Liebe vollkommen auf den Kopf stellte: Nämlich die Vorstellung von der Liebe als Verschmelzung, als Eins-Werden.

Dies war vermutlich notwendig, um die merkwürdige Spaltung zwischen Hochschätzung der Frauen als Liebespartnerinnen auf der einen Seite und ihrer gleichzeitigen politischen Entrechtung auf der anderen zu legitimieren: Denn nur wenn Mann und Frau in der Ehe eins werden, ist es zu rechtfertigen, dass die Frau politisch nicht in Erscheinung treten darf. Wenn das Paar als Einheit gedacht wird, braucht es im öffentlichen Bereich der Politik nur einen einzigen Repräsentanten: den Mann.

Für die Liebe hatte das fatale Folgen. Sie gilt seither nicht mehr als eine Beziehung unter Verschiedenen, sondern im Gegenteil die Aufhebung und Auslöschung jeglicher Differenz.

Es geht mir nicht um die Frage, wer Schuld an dieser Entwicklung hat und wie genau es dazu gekommen ist, obwohl es interessant wäre, dies einmal genauer zu untersuchen. Wichtig ist an dieser Stelle, welche Folgen sich aus diesem Dualismus ergeben.

Der öffentliche Bereich der Politik, in dem die Liebe nun keine Rolle mehr spielte, entwickelte sich nämlich nun hin auf eine Theorie der Rechte. Nicht die konkrete Beziehung, sondern ein abstraktes, übergeordnetes und von der konkreten Situation gerade absehendes Recht sollte von nun an die Beziehung unter Verschiedenen regeln. Sicher hatte diese Entwicklung wichtige positive Seiten und Aspekte, die ich keinesfalls leugnen möchte: In einem Rechtsstaat zu leben schränkt Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse ein. Die Idee der Gleichheit brachte die Idee der Menschenrechte und des Schutzes von Minderheiten hervor und so weiter. Ich muss das nicht näher ausführen, denn wir sind hier wohl alle einer Meinung. Die von mir vorgeschlagene und befürwortete Rückkehr der Liebe in die Politik soll keinesfalls ein Gegenmodell zu den Errungenschaften der Moderne sein.

Worum es mir geht ist vielmehr, zu zeigen, dass durch die einseitige Fokussierung auf die Rechte ein Problem auftrat, das mit der Logik der Rechte alleine nicht zu lösen ist, nämlich der Umgang mit der Ungleichheit. Die Logik der Rechte muss von der Gleichheit aller Menschen ausgehen, das ist ihre Voraussetzung. Allerdings ist diese Gleichheit aller Menschen ja nur eine abstrakte Annahme, eine Vereinbarung, und keineswegs die Realität. Die reale Ungleichheit der Menschen bleibt bestehen. Die moderne Lösung dafür war, diese Ungleichheit quasi in die häusliche Verantwortung der Frauen zu geben, das Ganze als vorpolitischen Bereich zu definieren und sich darauf zu verlassen, dass die Frauen es schon irgendwie organisieren und lösen.

Eine Zeitlang hat das auch mehr oder weniger funktioniert, allerdings um den Preis der Unfreiheit der Frauen. Diese Zeiten sind heute aber zu Ende. Die Emanzipation der Frauen im 20. Jahrhundert hat eine grundlegende Veränderung der Institution der Familie nach sich gezogen, die wir, so meine ich, in ihren Auswirkungen noch nicht richtig erfasst haben. Frauen gelten heute als Gleiche der Männer, haben also gleichberechtigten Zugang zur Sphäre des Politischen, sofern sie sich an die männlichen Spielregeln, die dort herrschen anpassen.

Allerdings lässt dies auf der anderen Seite die Frage offen, was nun mit jenem anderen Bereich geschieht, wenn die weibliche Gratis- und Liebesarbeit dort nicht mehr im selben Maß zur Verfügung steht. Das Problem fällt ja sozusagen unter Schlagworten wie Bildungskrise, Pflegenotstand, Werteverlust und dergleichen täglich aus den Zeitungsspalten. Feministische Wissenschaftlerinnen haben diese Frage auch längst erforscht und Vorschläge erarbeitet, die leider im allgemeinen Mainstream wenig zur Kenntnis genommen werden. Das Ergebnis ihrer Forschungen läuft bei allen Unterschieden im Detail immer wieder darauf hinaus, dass dieser damals als „unpolitisch“ definierte Bereich der gegenseitigen menschlichen Fürsorge in der Logik der Rechte nicht organisiert werden kann. Denn wenn es um die Sorge für Kinder, für Kranke für Alte, die Sorge um die körperlichen Bedürfnisse der Menschen geht, haben wir es, wenn man so will, mit der Verwaltung der menschlichen Hilfsbedürftigkeit zu tun. Es geht um die Beziehung zwischen Ungleichen: Mutter und Kind, Alt und Jung, Gesund und Krank. Und für die Beziehung zwischen Ungleichen kann die Politik der Gleichheit und der Rechte keine Antworten haben.

Ich würde es zuspitzen: Zwischen Ungleichen kann nur die Liebe ein Band herstellen, das über Nützlichkeitserwägungen hinausführt. Deshalb ist sie so grundlegend für unsere Freiheit.

Was wir lernen müssen zu denken (und das ist der erste Schritt, um es dann auch in politische Maßnahmen zu gießen) ist folgendes: Der Mensch ist nicht dann frei, wenn er autonom, eigenverantwortlich, unabhängig ist. Der Mensch ist ein grundlegend bedürftiges Wesen. Seine Freiheit muss also eingebunden sein in Beziehungen. Wie müssen Beziehungen sein, damit in ihnen Bedürftigkeit und Freiheit zusammengehen? Damit die Hilfe, die wir von anderen erhalten, uns nicht mehr das Gefühl vermittelt, unfrei zu sein?

Dies ist ja eine große Sorge vieler alter Menschen, die befürchten, ihre Autonomie zu verlieren, wenn sie hilfs- oder gar pflegebedürftig werden. Wir diskutieren das Thema im Rahmen von Pflichten und Moral. Doch wir wissen alle, wie schal Hilfe ist, wenn sie nur auf Pflichtbewusstsein und moralischen Ansprüchen basiert. Wie wäre es, wenn wir die Beziehungen zwischen den Generationen nicht moralisch diskutierten, sondern als Liebesbeziehungen?

Vielleicht muss ich an dieser Stelle doch noch ein paar Worte dazu sagen, was ich unter Freiheit verstehe. Obwohl sich Freiheit ebenso wenig definieren lässt, wie Liebe. Aber ich kann sagen, was Freiheit nicht ist, auch wenn wir uns angewöhnt haben, beides zu verwechseln. Freiheit ist nicht gleichbedeutend mit Freiwilligkeit. Freiwilligkeit, also die Abwesenheit von Zwang, bedeutet nämlich lediglich, unter vorgegebenen Alternativen mir diejenige auszusuchen, die mir am besten gefällt. Freiheit hingegen bedeutet die Offenheit für das, was noch nicht da ist, was mir noch nicht zur Auswahl gestellt wird, was ich vielmehr mit meinem Begehren überhaupt erst in die Welt bringe. Wenn Sie so wollen ist das der Unterschied zwischen einem Computermenü und einem leeren Blatt.

Es gibt heute aber einen starken Trend, sich mit der Freiwilligkeit zufrieden zu geben. Zum Beispiel in der Liebe: Wir meinen, wir wären in der Liebe schon frei, bloß weil wir nicht zwangsverheiratet werden, sondern uns unseren Partner, unsere Partnerin selbst aussuchen. Aber merkwürdigerweise wählen wir dann bei aller Freiwilligkeit doch nur selten das Falsche, das Unvernünftige, das Neue und Andere.

Mit der Verwechslung von Freiheit und Freiwilligkeit geht ein anderer Irrtum einher, nämlich die Vorstellung, Freiheit sei die Abwesenheit von Zwang. Aber ich kann auch als freier Mensch durchaus zu etwas gezwungen sein. Nicht, weil Recht und Gesetz oder die Mode oder der Mainstream mich dazu bringen, freiwillig in das einzuwilligen, was von mir erwartet wird. Sondern insofern ich in der Realität, in der Welt, so wie ich sie vorfinde, eine Notwendigkeit erkenne. Das klassische Beispiel ist die Mutter, die sich um ihr Kind kümmern muss, und die doch ein freier Mensch ist. Sie muss sich nicht um das Kind kümmern, weil andere sie dazu zwingen, weil es ihre Pflicht ist oder weil es gar ein Gesetz dafür gibt, sondern schlicht deshalb, weil die Logik der Situation es erforderlich macht und sie das erkennt.

Es ist evident, dass eine solche Perspektive auch den gegenwärtigen Debatten um die Neuorganisation der Pflege zum Beispiel gut tun würde. Aber es betrifft auch „härtere“ Themen, etwa den Klimawandel. Derzeit ist es ja en vogue, die wirtschaftlichen Schäden der Klimaveränderung in Geld umzurechnen: Wie viele Milliarden wird das unsere Wirtschaft kosten? Das ist eine fatale Tendenz. Denn das Notwendige muss ich auch dann tun, wenn es sich nicht „rechnet“.

Die große Philosophin Simone Weil, die im Februar 100 Jahre alt geworden wäre, hat sich mit diesem Aspekt der Freiheit, die auf uns einen Zwang ausüben kann, beschäftigt. Ihrer Ansicht nach ist Aufmerksamkeit das Wichtigste dabei: Nur wenn ich mit großer Aufmerksamkeit in der Welt bin, werde ich sehen, was getan werden muss, werde ich ihre Notwendigkeiten erkennen und – in Freiheit – entsprechend handeln. Simone Weil kam sogar dazu, in diesen Fällen von Gehorsam zu sprechen. Freiheit ist also gewissermaßen das Gegenteil von Wahlfreiheit und Freiwilligkeit. Leider haben wir nicht die Zeit, uns heute Abend intensiver in das Denken von Simone Weil zu vertiefen, aber vielleicht kann ich Ihnen ein wenig Lust auf die Lektüre dieser zu Unrecht wenig beachteten Denkerin machen.

Nur eine solche Kultur der „liebenden Aufmerksamkeit“ kann uns verletzlichen und hilfsbedürfigten Wesen die Sicherheit geben, die wir brauchen, um frei zu sein. Eine Freundin von mir formulierte das kürzlich so: „Weil Menschen das Notwendige tun, und wir uns darauf verlassen, gibt es Sicherheit.“ Eine solche andere Ethik des „Müssens“, eines Müssens, das auf Freiheit und Liebe gründet und nicht auf Pflichten und Moral, Gesetzen und Zwang, böte die Möglichkeit, die Ungleichheit der Menschen nicht als Hindernis einer guten Gesellschaft zu sehen, sondern als ihre Ressource, ihre Vorbedingung.

Eine ganze Reihe von Philosophinnen hat dazu bereits wertvolle Gedanken entwickelt, die zwar nicht unter dem Begriff der „Liebe“ firmieren, aber meines Erachtens darauf hinführen. Die erste, die ich heranziehen möchte, ist Hannah Arendt, die große Denkerin der Pluralität, die den Begriff der „Gebürtigkeit“, der Natalität – übrigens im Rückgriff auf Platon –in die politische Debatte zurückgeholt hat. Die Tatsache also, dass Menschen nicht als erwachsene, voll funktionstüchtige Wesen in die Welt eintreten, sondern als von einer Frau Geborene. Der Eintritt eines neuen Wesens in das „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“, so Arendt, ist Garant dafür, dass immer wieder Neuanfänge möglich sind, dass Menschen nie im Singular, sondern nur im Plural vorkommen, dass es „den Menschen“ nicht gibt, sondern nur die vielen Menschen, die in ihren gemeinsamen Verhandlungen das Wesen des Politischen gestalten.

Diesen Gedanken der Gebürtigkeit griff die italienische Philosophin Luisa Muraro auf. In ihrem Buch „Die symbolische Ordnung der Mutter“ stellt sie die Beziehungen zwischen Mutter und Kind in den Mittelpunkt der Philosophie. Das Zusammenspiel von Begehren und Autorität, das für die Beziehung zwischen einer Mutter – oder ihrem Ersatz, denn natürlich muss diese Rolle nicht notwendigerweise die leibliche Mutter einnehmen – und ihrem Kind charakteristisch ist, ist kennzeichnend für Differenzbeziehungen schlechthin. Freiheit bedeutet (zum Beispiel aus der Perspektive des Kindes) nicht Unabhängigkeit, sondern das Eingebundensein in eine Beziehung zu einer, die ein „Mehr“ hat, die mich versorgt und nährt, in materiellem wie in geistigem Sinne. Oder anders gesagt: Wohl kaum bei einem anderen Menschen ist es so offensichtlich und augenfällig, dass es nur frei sein kann, wenn es geliebt wird, wie bei einem neugeborenen Baby.

Muraro kritisiert von hier ausgehend das westliche Verständnis von Autonomie und Unabhängigkeit, das notwendigerweise zu einem Unbehagen an der Figur der Mutter geführt hat, insofern die Mutter – und die Erinnerung an unsere Abhängigkeit von ihr – sozusagen ein Stachel im Fleisch der imaginierten und angestrebten „Gleichheit“ der Menschen war. Dies führte in unserer Kultur zu einer Abgrenzung von der Mutter, von der sich zu befreien die erste Aufgabe des erwachsenen, autonomen Menschen war und in der Folge zu einer Abwertung der mütterlichen Tätigkeiten, dem Ausschluss der Frauen aus dem Politischen und ihrem gleichzeitigen Einschluss in den Kerker angeblich „natürlicher“ Weiblichkeit und Mütterlichkeit.

Deutschsprachige Ethikerinnen haben diese Ideen auf Einladung der Schweizer Theologin Ina Praetorius unter dem Titel „Für eine Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit“ in unterschiedlichen Aspekten weitergedacht: Was würde das für die Sozialpolitik, die das Rechtssystem, die Kultur schlechthin, die Ökonomie bedeuten, wenn wir Menschen nicht als autonom und unabhängig denken, sondern als Wesen, die nur frei sind, weil sie in Beziehungen leben? (Verweis auf das Buch)

Ich würde es nun im Hinblick auf diesen Vortrag noch einmal zuspitzen und sagen: Wir sind auf Liebe angewiesen. Liebe ist nicht ein Luxusding, das wir in Form einer gelungenen Beziehung unserer Biografie hinzuzufügen können, sondern diejenige Kraft, die uns Beziehungen ermöglicht, in denen wir gleichzeitig sicher und frei sein können.

Allerdings ist es dafür notwendig, dass wir den Liebesbegriff von der Illusion der Einheit und Verschmelzung befreien. Oder anders gesagt: Wir müssen die Liebe wieder als Differenzbeziehung denken. Wer liebt, gibt nicht die eigene Freiheit auf, verschwindet nicht hinter lauter Selbstaufopferung. Sondern kann im Gegenteil für eine bessere Welt politisch eintreten. Uns zwar so, wie es die Journalistin Maria Terragni das kürzlich formuliert hat: „Mit der Starrköpfigkeit, mit der wir erwarten, dass am Ende immer die Liebe gewinnt, und angesichts der Tatsache, dass wir immer auf der Suche nach etwas sind, das man noch nicht sehen kann, und von dem wir trotzdem sicher sind, dass es da ist.“

Eines ist mir noch wichtig: Ich plädiere  nicht dafür, dass wir eine neue Praxis anfangen. Sondern ich behaupte, genau so funktioniert die Welt längst, nur dass wir nicht in der Lage sind, es zu sehen, weil wir die Liebe zum Tabu gemacht haben. Menschen, die lieben, stoßen schon heute viele Dinge an. Mütter und Väter, die sich aus Liebe zu ihren Kindern für ein besseres Schulsystem einsetzen. Frauen, die gestärkt durch die Beziehungen zu anderen Frauen, für mehr weibliche Freiheit kämpfen. Kinder, die aus Liebe zu ihren pflegebedürftigen Eltern die Krankenhausbürokratie kritisieren. Menschen, die aus Liebe zur Welt für Klimaschutz eintreten oder für eine sozial gerechtere Welt.

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den ich am 27.1.2009 in der VHS Schwäbisch-Gmünd gehalten habe


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