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Die Liebe und ihre Projekte

Schon seit längerem denke ich darüber nach, warum die Liebe eigentlich so oft als Problem gesehen wird, während sie doch in Wirklichkeit etwas Großartiges und Schönes ist. Hier meine Idee, die noch etwas über das hinausgeht, was Eva Illouz als Problem der spezifisch mittelständisch-bürgerlich-romantischen Liebesbeziehung ausmacht.

Und zwar ist meine These, dass das Problem heute nicht in der Liebe als solcher liegt, sondern darin, die Liebe in ein bestimmtes Lebensprojekt zu überführen – was die bürgerliche Hetero-Paarbeziehung sein kann (die heute manchmal auch homosexuell ist), aber nicht muss. Das Projekt kann auch eine polyamore Beziehungsstruktur sein oder aber auch die Liebe zu einem Beruf oder zu einem politischen Engagement. Der Irrtum unserer Kultur besteht nun darin, dass wir glauben, dass aus der Liebe automatisch oder zwangsläufig ein gelungenes Projekt hervorgehen muss, und wenn das nicht der Fall ist, dann muss irgend etwas falsch gelaufen sein.

Doch Liebe und Projekte existieren erst einmal getrennt voneinander. Man wünscht sich für das eigene Leben ein Projekt – zum Beispiel möchte man Kinder haben, ein Haus bauen, einen sinnvollen Beruf ausüben oder etwas dergleichen. All das kann man auch ohne Liebe, gewissermaßen rein pragmatisch angehen. Man braucht für solche Projekte zwar andere Menschen, aber das müssen nicht Menschen sein, die man liebt, es können auch Menschen mit gleichen Interessen sein, Menschen, die von der Einstellung und vom Lebensstil her ähnlich sind, mit denen man gut kooperieren kann.

Allerdings funktionieren diese Projekte besser, wenn Liebe dabei im Spiel ist, Begehren. Ich kann einen Mann heiraten, ein Haus bauen, Kinder kriegen, ohne diesen Mann zu lieben. Aber wenn Liebe dabei ist, ist es schöner. Ich kann Rechtsanwältin oder Managerin werden, weil ich mir das vorgenommen habe (etwa nach einem Vergleich der Einkommens- und Karrierechancen verschiedener Berufe). Aber wenn ich genau diese Tätigkeit auch liebe, wenn mein Begehren darin steckt, ist es schöner. Ich kann Umweltaktivistin oder Tierschützerin werden, weil ich rational einsehe, dass das wichtig ist oder weil ich Leute getroffen habe, die mich dazu überreden, aber wenn genau bei diesem Thema auch mein innerstes Herzblut dran hängt, ist es schöner.

Liebe, so behaupte ich, ist keine Sache an sich, Liebe ist kein Substantiv. Sie ist eher ein Adjektiv, eine bestimmte Qualität, die eine Beziehung hat – oder eben nicht. Es gibt Beziehungen zu Menschen, zu Tätigkeiten, zu Dingen mit und ohne Liebe, aber wenn Liebe dabei ist, sind diese Beziehungen schöner. Dann eröffnen sich mehr Möglichkeiten, dann ist Strom drauf.

Allerdings wird Liebe bei uns nicht so gesehen. Liebe wird als etwas begriffen, das zu bestimmten Lebensprojekten unabdingbar dazu gehören soll (die Paarbeziehung, die Familie), bei anderen Lebensprojekten aber als verzichtbar oder nebensächlich angesehen wird (die Arbeit, die Politik). Und das ist meiner Ansicht nach das Problem.

Denn wenn diese große motivierende Kraft, die das Begehren, die Liebe, darstellt, eingehegt wird auf ein bestimmtes Projekt (die Paarbeziehung), dann wird dieses Projekt schlicht überfordert, während alle anderen Projekte tendenziell lieblos werden.

Das führt dann dazu, dass, wenn ich mich zum Beispiel in einen Menschen verliebe und er oder sie sich idealerweise auch in mich, viele glauben, sich damit auch auf ein bestimmtes Lebensprojekt festzulegen. Wenn sich aber nun herausstellt, dass die beiden im Bezug auf Paar-Haus-Kinder unterschiedliche Vorstellungen in ihrem Leben haben, ist das Problem da. Man hält die Liebe für gescheitert, findet die anderen egoistisch, hat den Eindruck, dass irgendetwas falsch läuft und geändert werden muss.

Hierher rührt die falsche Auffassung, die neuerdings überall zu hören ist, dass zu viel Freiheit ein Problem für die Liebe sei. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Freiheit, die liberale Gesellschaften uns bieten – dass wir unsere Lebenspartner_innen nicht nur aus derselben Kultur oder Klasse oder aus einem bestimmten Geschlecht auswählen können, dass auch unser Lebensweg nicht vorherbestimmt ist, sondern dass wir bei all dem dem „Ruf der Liebe“ folgen können, wenn man es mal so platt sagen will – ist eine großartige Möglichkeit und erweitert das Potenzial der Liebe.

Das einzige, was wir uns dabei klar machen müssen, ist dass zwei Menschen, die sich lieben, deshalb noch nicht automatisch dieselben Projekte verwirklichen wollen. Früher wollten sie das aber auch nicht. Früher war es nur so, dass die Menschen in der Wahl ihrer Projekte weniger frei waren als heute, und dass danach, ob dabei Liebe im Spiel ist, meistens gar nicht erst gefragt wurde.

Das Leben ist schlicht und einfach besser und schöner, wenn ich mehr Möglichkeiten habe, meinen Liebesimpulsen zu folgen. Aber die Liebe ist eben bloß ein erster Motivationsschritt, eine Kraft, die mir Orientierung gibt, weil ich von irgendetwas oder irgendjemandem angezogen werde, sie ist noch nicht die ganze Geschichte. Die Liebe überwindet Anfangsschwierigkeiten, denn sie steht über der Vernunft. Die Liebe macht es möglich, dass ich mich mit Menschen beschäftige und ihnen Aufmerksamkeit schenke, die die Vernunft gleich als ungeeignet aussortieren würde. Die Liebe bringt mich dazu, Projekte anzugehen, auch wenn sie erst mal unmöglich oder viel zu schwierig zu sein scheinen. Liebe ist ein Anreiz, eingefahrene Bahnen zu verlassen, wer liebt ist mutig und stark.

Aber die Liebe ist kein Ersatz dafür, dass ich mir überlege, welches denn meine Lebensprojekte sind, was ich überhaupt will. Die Liebe bietet zwar Orientierung und öffnet Türen – aber dann muss ich eben auch noch überprüfen, ob ich dahin, wohin sich eine Tür öffnet, überhaupt gehen will. Die Liebe, für sich genommen, ist inhaltsleer. Sie bedeutet noch nicht, dass danach dieses oder jenes getan wird. Und deshalb muss ich auch akzeptieren, wenn andere vielleicht nicht unbedingt durch die Türen gehen wollen, die ihnen ihre Liebe zu mir öffnet. Ich kann nicht erwarten, dass sich jemand, nur weil er mich liebt, sich denselben Projekten verschreibt, die mir in meinem Leben wichtig sind.

Wenn zwei sich lieben, dann sind ihre Projekte nicht automatisch dieselben, das muss anschließend noch verhandelt werden. Allerhöchstens erhöhen sich die Chancen, dass sie etwas Gemeinsames finden. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht sind ihre Ansichten, Wünsche, Gewohnheiten, Ziele einfach zu unterschiedlich. Dann trennen sie sich wieder und es war trotzdem eine schöne Zeit und kein Scheitern.

When it come to pussy, there ain’t no free

When it come to pussy, there ain’t no free.

… sagt D’Angelo Barksdale in „The Wire“ (Staffel 1, Folge 6)

Stilblüten: Udo Jürgens

Ein Artikel aus dem Tuifly-Bordmagazin „flyjournal“ (4/2011) auf dem Rückflug aus dem Urlaub hat mich dazu animiert, eine neue Rubrik zu eröffnen namens „Stilblüten“. Nur knapp kommentiert will ich hier Fundstücke zum Thema „Was so über Liebe und Beziehungen (zwischen Männern und Frauen) gesagt und gedacht (und gelesen) wird“, sammeln.

Den Anfang macht also Udo Jürgens, über den ein (nicht namentlich gekennzeichnetes) Portrait in besagtem Flugzeugmagazin abgedruckt war. Hier der relevante Auszug:

New York, Juli 1957. … Der 23-jährige Udo Jürgen Bockelmann blickt von Deck aus auf die Skyline – und träumt den Traum seiner Generation. Raus aus dem spießigen und kriegszerstörten Europa – und rein in die schillernde Welt der Hollywood-Stars. Wie sein Vorbild Frank Sinatra – einfach im „River Café“ unterhalb der Brooklyn Bridge mit einer hübschen Frau in jedem Arm lässig einen Whiskey schlürfen. Ein scheinbar unerreichbarer Traum – aber er geht ihn an.

54 Jahre später. .. Aus dem jungen Stenz … ist ein Weltstar geworden … – und an hübschen Frauen mangelte es ebenfalls nicht.

Der Charmeur alter Schule gilt auch heute noch als Womanizer mit einem Faible für junge Damen, woran in der Vergangenheit viele seiner Beziehungen zerbrachen. „Ich war nie treu in meinem Leben“, sagt er ehrlich und kennt auch die Gründe. „Untreue ist keine Frage des Charakters, sondern der Chancen.“ Die gab es für einen wie ihn reichlich – und er verhehlt nicht, dass er genau das gesucht hat. „Jeder Junge, der davon träumt, Musiker zu werden, will das in erster Linie, um Mädchen aufzureißen.“

Besonders in den 60er-Jahren ein Erfolgsrezept. „Man kann sich kaum noch vorstellen, was man damals als einigermaßen attraktiver oder sympathischer Mann erlebt hat“, erinnert er sich an Zeiten, als er nach Konzerten regelmäßig „den Rappen gesattelt“ hat, es also ordentlich krachen ließ. „Man ging in Lokale, und die Frauen haben einen offen angesprochen, angefasst oder aufgefordert, mitzugehen.“ Die Chancen nahm er reihenweise wahr – und bescherte mit seinen Amouren den Boulevard-Blättern regelmäßig Spitzen-Verkaufszahlen. Er habe, mutmaßte „Die Welt“, „mit so vielen Frauen geschlafen, dass er einen ganzen Kontinent bevölkern kann“.

Doch wer sich im Licht sonnt, muss auch mit dem Schatten leben. … Selbst Beziehungen zu Minderjährigen wurden ihm analog zu einem seiner größten Hits unter der Formel „17 Jahr, blondes Haar“ angedichtet. Ein haltloser Vorwurf, doch einmal in die Welt gesetzt, ist er nur schwer zu tilgen.

Der Punkt, auf den ich in diesem Zusammenhang besonders aufmerksam machen will, ist, dass das Womanizertum von Udo Jürgens hier ausdrücklich nicht als individuelle Vorliebe oder Eigenart dargestellt wird, sondern als „Traum seiner Generation“ und als Wesensmerkmal von Männlichkeit: „Jeder Junge“ macht nur deshalb Musik, um Mädchen aufzureißen.

Unverbindlichkeit und Unbeständigkeit in Liebesbeziehungen ist ebenfalls keine Vorliebe oder Wahl, die Udo Jürgens selbst getroffen (und zu verantworten) hat, sondern sogar eine nicht nur männlich sondern allgemeinmenschlich definierte Conditio Humana: Wenn jemand nicht untreu ist, beweist das bloß, dass er (implizit auch: sie?) keine Chancen hat – also ein Versager ist.

An dieser Art von „Frauensammeln“ haben nicht  nur die Beteiligten, sondern auch die Medien Anteil.

Lustig auch die Unfähigkeit, auszusprechen, worum es geht, nämlich um Selbst- und Fremdbestätigung männlicher Macht in Form von Ficken. Udo Jürgens selbst umschreibt das mit „den Rappen satteln“, was der namenlose Autor oder die Autorin des Artikels dann mindestens ebenso nebulös mit „es krachen lassen“ übersetzt.

Last not least: Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegenüber mit Macht ausgestatteten Männern können ohne weitere Argumente oder Beweisführung als „haltlos“ eingestuft werden.

„Fri“ heißt lieben

Gerade schickte eine Freundin dieses Zitat, das praktisch das Motto dieses Blogs wiedergibt. Es stammt aus dem Buch „Duft der Zeit“ von Byung-Chul Han (transcript Verlag, Bielefeld 2009,  S 38):

Frei-Sein heisst nicht einfach Ungebunden- und Unverbindlich-Sein. Frei machen nicht Entbindungen und Entbettungen, sondern Einbindungen und Einbettungen. Die totale Beziehungslosigkeit wirkt beängstigend und beunruhigend. Die indogermanische Wurzel fri, worauf Wendungen wie frei, Friede und Freund zurückgehen, bedeutet „lieben“. So bedeutet „frei“ ursprünglich „zu den Freunden oder Liebenden gehörend“. Man fühlt sich frei gerade in der Beziehung von Liebe und Freundschaft. Nicht Bindungslosigkeit, sondern Bindung macht einen frei. Die Freiheit ist ein Beziehungswort par excellence. Ohne Halt gibt es auch keine Freiheit.“

Ich kenne mich mit Etymologie nicht so gut aus, aber natürlich würde ich diesen Strang gerne verfolgen. Über sachdienliche Hinweise in den Kommentaren freue ich mich.

Keine Panik. Nicht jede Liebe tut weh.

Eva Illouz hat mit „Warum Liebe weh tut“ ein sehr gutes Buch geschrieben. Von daher gleich mal der Appell: Lest es.

Klargestellt werden muss aber (und Eva Illouz stellt das mehrfach klar, aber ich betone es hier auch nochmal, weil es in den meisten Artikeln, die ich zum Erscheinen dieses Buches gelesen habe, bezeichnenderweise NICHT klargestellt wird): Das Buch handelt nur von einer bestimmte Variante der Liebe, und zwar von der heterosexuellen Mittelschichts-Liebe mit implizitem Kinderwunsch.

Leider ist es genau jene Liebe, die sich mit einer unerträglichen Penetranz in den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung schiebt und so tut, als wäre sie die Liebe schlechthin. Alle anderen Arten von Lieben – zwischen zwei Männern, zwischen zwei Frauen, zwischen Menschen ohne gutbürgerlichen Hintergrund, zwischen mehr als zwei Menschen, zwischen Menschen ohne Familienlebens- und Kinderwunsch, zwischen Menschen aus anderen Kulturen als der westeuropäischen, ganz zu schweigen von der Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Menschen, die keinen Sex miteinander haben, oder der Liebe von Menschen zur Welt oder zu Gott oder zum Frieden – sind hier nicht im Blick.

Deshalb finde ich den Buchtitel auch problematisch. Denn Liebe tut nicht weh. Diese Art von Liebe tut weh. (Auch nicht immer, aber mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit.) Warum, beschreibt Illouz in dem Buch.

Ihre Grundthese ist: All das, was derzeit die Liebe zwischen Frauen und Männern mit Mittelschichts-Ambitionen so kompliziert macht, ist kein psychologisches Defizit der Beteiligten, sondern eine logische Konsequenz gegebener sozialer Muster. Die Negativfolie, vor der sie das verhandelt, ist die Psychologisierung der westlichen Kultur, gegen die sie auch schon in ihren anderen Büchern angeschrieben hat. Also etwa die Rede von der angeblichen „Bindungsangst“ vieler Männer, oder von dem fehlenden „Selbstbewusstsein“ vieler Frauen. Die These lautet, dass diese durchaus real vorzufindenden Haltungen keineswegs „natürliche“ Eigenschaften der Geschlechter sind (wie Evolutionstheorien gerne behaupten), aber auch keine individuellen Defizite oder Deformationen, die aus Erlebnissen in frühester Kindheit resultieren. Also auch nichts, worüber man mit Hilfe von Ratgeberbüchern oder Therapiesitzungen hinwegkommen kann.

Die Ursache für den Klassiker in der heterosexuellen Problemkiste – Bindungsangst versus übergroße Anhänglichkeit – resultiert ihrer Ansicht nach vielmehr aus der Tatsache, dass der „Heiratsmarkt“ heute nicht mehr nach starren sozialen Codes reguliert ist: Alle möglichen Paarkonstellationen sind erlaubt, jedenfalls im Prinzip, Unterschiede in Bezug auf soziale Schicht, Religions- oder Nationalitätszugehörigkeit, Bildungsstand und so weiter sind kein Hinderungsgrund der Paarbildung mehr. Das hat zur Folge, dass die Auswahl möglicher Partner und Partnerinnen extrem gestiegen ist. Weitere Faktoren begünstigen das: örtliche  Mobilität und Internet.

Auch ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass Partnerschaften zeitlich begrenzt sind, das heißt, dass sie enden, sobald einer oder eine der beiden keine Lust mehr hat. Und schließlich besteht der Anspruch auf Autonomie oder Authentizität, das heißt, Verbindlichkeit ist nicht mehr per se eine Tugend, sondern nur, wenn sie auch dauerhaft von den entsprechenden „Gefühlen“ begleitet ist. Anders gesagt: Wer mit jemandem zusammen ist, ohne weiterhin so richtig verliebt zu sein, gilt irgendwie als dämlich.

Dies aber bringt nach Illouz‘ Analyse für Frauen, die einen Mann suchen, mit dem sie zusammen Kinder haben können, „Wettbewerbsnachteile“ mit sich. Und zwar schon rein zeitlich, weil Frauen, anders als Männer, nur ein begrenztes Zeitfenster haben, in dem sie diesen Kinderwunsch verwirklichen können. Daher haben sie ein höheres Interesse, sich relativ schnell verbindlich festzulegen, die Männer hingegen nicht. Im Gegenteil: Männer, die sich zu früh binden, vermindern in dieser Ökonomie (tatsächlich parallelisiert Illouz ihre Analyse mit der von Marx im Bezug auf das Kapital) ihre Optionen. Denn jede Bindung an eine bestimmte Frau kann sich als Hindernis erweisen, sobald sich später noch eine bessere Möglichkeit der Partnerinnenwahl ergibt.

Die Methode, die Illouz anwendet, um ihre Schlussfolgerungen zu belegen, ist der Vergleich mit Liebesmustern aus dem 19. Jahrhundert. An diesem Vergleich zeigt sie, was neu ist am heutigen Liebeskummer und wie er sich von dem Liebesleid früherer Zeiten unterscheidet – denn dass die Liebe kompliziert ist und neben Freude auch Leiden mit sich bringt, ist ja wiederum nichts Neues. Nur die Art und Weise ist neu.

Nur ein Beispiel: Wenn früher ein Mann seine Frau verlassen hat oder anders herum, so war man allgemein (die beiden Beteiligten ebenso wie ihr soziales Umfeld) der Ansicht, dass er oder sie Schuld am Scheitern der Beziehung trägt. Heute suchen die Verlassenen tendenziell die Schuld bei sich selbst, denn sie müssen ja irgendeinen Fehler gemacht haben, weshalb sie verlassen wurden. Sie waren nicht „gut genug“. Zur Trauer über die verlorene Liebesbeziehung gesellt sich also der Selbstzweifel. Liebeskummer im Quadrat sozusagen.

Diese Vergleiche – die natürlich, was Illouz explizit betont, nicht bedeuten, dass die Verhältnisse damals besser gewesen wären, es geht nur darum, kategoriale Unterschiede herauszuarbeiten – fand ich extrem interessant. Denn im Allgemeinen sehen wir die Entwicklung gerade aus der Perspektive von Frauen als rein positiv an und blicken mit einem leicht mitleidsvollen Gestus auf die „armen Frauen“ damals im Patriarchat herab. Aber Illouz zeigt eindrücklich, dass zum Beispiel der Selbstwert einer Frau im 19. Jahrhundert sehr viel weniger als heute davon abhing, wie gut oder nicht ein Verehrer sie fand. Wenn aus einer Liaison nichts wurde, hatte das viele Gründe, es war kein Qualitätsurteil über das innerste Selbst einer Person.

Das bedeutete auch, dass Menschen, und gerade auch Frauen, ihre Liebesgefühle teilweise ungehemmter ausleben konnten als heute. Viele Romane des 19. Jahrhunderts erzählen davon, wie Frauen Männer lieben und Männer Frauen, obwohl sie „nichts davon haben“, oder wie sie auch dann an ihrer Liebe festhalten, wenn die geliebten Personen sich nicht so benehmen, wie sie das sollten. Heute hingegen wird von gerade von Frauen, die emanzipiert sein wollen, erwartet, dass sie nur Männer lieben, die bestimmten Mindeststandards entsprechen, also zum Beispiel nicht fremdgehen oder sich nicht sonstwie „falsch“ verhalten (der Klassiker dieses Vorwurfs geht an Simone de Beauvoir: Warum ist sie bei Sartre geblieben, obwohl der ständig andere Frauen hatte? Die nahe liegende Antwort, dass Sartre vermutlich ein ziemlich interessanter Gesprächspartner war, dem frau daher anderes hat durchgehen lassen, gilt als „unfeministisch“).

„Irrationale“ Liebe wird heute nicht mehr als Ausdruck von besonders großer Hingabe oder gar Liebesfähigkeit gesehen, sondern sie wird pathologisiert. Es muss dann therapeutisch geklärt werden, warum hier noch geliebt wird, obwohl doch die objektiven Argumente dagegen sprechen. Das hängt natürlich mit der heutigen Überforderung der Liebe zusammen, damit, dass die Wahl des Liebespartners zum zentralen Lebensprojekt gemacht wird, und die liebende Frau keine anderen Stützpfeiler hat (Familie, Gesellschaft, Stand), die ihren Wert definieren. Umso wichtiger ist es, nur „den Richtigen“ zu lieben – was den oben geschilderten Konflikt mit dem kurzen Zeitfenster einer möglichen Mutterschaft natürlich noch einmal verschärft.

Was ist in so einer Situation zu tun? Der nahe liegendste Schritt ist natürlich, andere Liebeskonzepte jenseits der bürgerlichen Mann-Frau-Kind-Konstellation zu stärken. Natürlich können sich ähnliche Liebesprobleme auch in homosexuellen Konstellationen oder bei heterosexuellen Frauen ohne Kinderwunsch bemerkbar machen, doch hier sind sie gewissermaßen nur „symbolisch erzeugt“, insofern die Agierenden implizit denselben Bildern nacheifern, die eigentlich nur für die heterosexuelle Normliebe Sinn ergeben.

Aber hier ist die Chance größer, alternative Liebeserzählungen zu schreiben. Ein Weg, der mir persönlich gut gefällt, ist der einer Renaissance der irrational Liebenden – also die Befreiung der Liebe aus der Zweckrationalität, den „richtigen“ Partner, die „richtige“ Partnerin zu finden. Nein, ich denke, freie Menschen lieben wen immer sie lieben, und sei das auch ganz und gar unpassend. Das können sie, weil sie um der Liebe wegen lieben und nicht, um durch die Anerkennung des Geliebten ihr eigenes Selbstwertgefühl zu stärken. Ihr Selbstwertgefühl bekommen freie Liebende anderswo her, aus ihrem Ort im Leben. Aus der Gesamtheit dessen, was sie tun, aus ihren vielfältigen Beziehungsnetzen. Deshalb sind sie auch so richtig uneigennützig traurig, wenn sie verlassen werden. Aber nicht am Boden und in ihrem Innersten zerstört.

Und was machen die Frauen, die nicht nur symbolisch betroffen sind, sondern real, weil es eben nun einmal eine Tatsache ist, dass sie jetzt (oder in den nächsten zehn Jahren) Kinder kriegen müssen und daher nicht ewig auf Mister Right warten können? Ich finde – und Eva Illouz hat das in irgendeinem Interview auch gesagt, das ich aber jetzt grade nicht mehr finde – sie sollten ihren Kinderwunsch von der Sehnsucht nach einer romantischen Liebe trennen. Sie sollten Kinder kriegen, wann immer sie wollen, unabhängig davon, ob sie einen Mann haben, der das auch will. Wenn ja, ist gut, wenn nein muss das nicht Kinderlosigkeit bedeuten. Ganz abgesehen davon, dass ja auch ein Mann, der heute noch will, das in drei Jahren schon ganz anders sehen und andersrum, dass ein Mann, der erst einmal kein Vater werden wollte, das dann doch ganz gut findet, wenn das Kind erst einmal da ist.

Vielleicht muss das ja nicht so bleiben. Vielleicht gelingt es uns ja irgendwann wieder, Liebe mit Verbindlichkeit zusammen zu denken, ohne die starren sozialen Gerüste, die das im 19. Jahrhundert noch bewerkstelligen konnte. Zum problematischen Aspekt der „Autonomieerwartungen“, die mit heutigen Liebesbeziehungen verknüpft sind, hat Illouz auch ein interessantes Kapitel geschrieben, auf das ich vielleicht später nochmal zurückkomme.

Aber der erste Schritt ist es, dieses soziale Dilemma anzuerkennen und auszusprechen und nicht mit rosaroter Romantik-Kitsch-Soße zuzukleistern. Damit die Menschen, die daran scheitern, das nicht länger als individuelles Versagen deuten.

Eva Illouz: Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Suhrkamp 2011.

Die überlastete Liebe in Zeiten der Unabhängigkeit

Es werden heute erstaunlich viele Bücher über die Liebe geschrieben. Im Allgemeinen gehen sie davon aus, dass die Liebe es schwer hat, weil wir alle so viel Freiheit hinzugewonnen haben. Exemplarisch sei auf Sven Hillenkamp vewiesen, der die Thesen seines aktuellen Buches über „Das Ende der Liebe“ hier in einem Interview ausführlich erläutert.

Der Hauptfehler in der Argumentation, dass zu viel Freiheit die Liebe gefährde, liegt meiner Ansicht nach in einem falschen Begriff von Freiheit. Wenn man Freiheit als Autonomie und Unabhängigkeit versteht, als Freiwilligkeit, als Möglichkeit, unter einer Fülle vorgegebener Optionen auszuwählen – dann könnte die Diagnose stimmen. Darüber habe ich ja hier schon gebloggt.

Freiheit ist aber etwas anderes. Freiheit ist vielmehr die Möglichkeit, sich dem eigenen Begehren entsprechend aktiv an der Gestaltung der Welt zu beteiligen (siehe auch hier). Sie ist offen und nicht an das Vorhandensein möglichst vieler Auswahlmöglichkeiten geknüpft. Nicht alles, was ich freiwillig tue, ist eine Folge meiner Freiheit. Vielleicht ist es auch eine Folge meiner Mutlosigkeit, meiner Ängstlichkeit, meiner Phantasielosigkeit.

Daher denke ich: Liebe ist mit dem Freiheitsgewinn überhaupt erst möglich geworden. Freie Liebe gab es auch früher selten. Allerdings haben sich die Erzählungen über die Liebe den neuen Verhältnissen noch nicht angepasst. Ein Großteil der westlichen Liebesliteratur beschäftigt sich damit, dass Liebe gesellschaftliche Hindernisse überwinden muss – die legendären zwei Königskinder eben, Romeo und Julia, you name it.

Regalweise Romanliteratur haben wir voller Geschichten davon, wie zwei sich lieben, aber nicht zueinander finden. Anfangs waren es meistens äußerliche Hindernisse, verfeindete Familien, widrige Zeitumstände, soziale Unterschiede, die das Zusammenkommen der Liebenden verhindern wollten. Heute spielt all das – zumindest in den liberaleren Milieus – kaum noch eine Rolle, aber die Narrative sind gleichgeblieben. Die Hindernisse haben sich tendenziell verinnerlicht, die psychischen Befindlichkeiten oder egoistischen Lebensperspektiven verhindern das Zustandekommen des Paares (eine Erzählfigur, die gerne auch mal zum Bashing emanzipierter Frauen verwendet wurde, denen man „Liebesunfähigkeit“ unterstellt hat).

Ich denke, wir brauchen neue Narrative. Das Problem der Liebe stellt sich nicht mehr in Form von Hindernissen, seien sie nun äußerlich oder innerlich, die dem Paar im Wege stehen. Es stellt sich in Form einer gestiegenen Notwendigkeit.

Das Bedürfnis, über die Liebe nachzudenken, ist deshalb heute so groß, weil wir die Liebe viel nötiger haben als früher. Und zwar deshalb, weil es die einzige menschliche Beziehungsform ist, die noch verlässlich Zugehörigkeit schafft, einen Ort für die Individuen, in denen sie sich „zuhause“ fühlen, losgelöst von ihrer Funktionalität und Leistungsbereitschaft, ihrer Performance und Bewertbarkeit.

In früheren Zeiten waren die Menschen ganz automatisch in vielerlei Beziehungsgeflechte eingebunden. Sie gehörten zu ihrer Familie, zu ihrem Dorf, zu ihrer Firma, zu ihrem Verein. Man wurde in einen sozialen Kontext hineingeboren, und diese Zugehörigkeit zu einer definierten menschlichen Gemeinschaft war selbstverständlich. Man musste dafür nichts leisten. Nur die wenigsten – die an den extremen Rändern – fielen da hinaus: Die einen, mit großem Freiheitsdrang, die ausbrachen und auf eigene Faust „in die Welt zogen“ (und es wurde immer thematisiert, dass der Preis dafür die Einsamkeit war), und die anderen, die sozial Ausgestoßenen, die Verbannten, denen aus irgendeinem Grund die Zugehörigkeit verweigert wurde.

Aber beides waren Einzelfälle, die große Masse der Menschen gehörte einfach qua Geburt zu einer sozialen Bezugsgruppe dazu. Niemand musste großartige Liebesbeziehungen pflegen, um einen Ort zu haben, um irgendwo „hinzugehören“. Viele Ehepaare lebten nebeneinander her, ohne tiefschürfende Liebesemotionen, aber dennoch nicht einsam und allein, sondern sie hatten ein „Zuhause“.

Die Individualisierung moderner Gesellschaften, die an die Person gebundenen (und von den konkreten Beziehungsgeflechten gelösten) Rechtsansprüche, Mobilität und Flexibilität haben diese Zugehörigkeiten prekär gemacht. Die Notwendigkeiten, die Menschen früher an ihre Bezugsgewebe gebunden (oder eben auch gefesselt) haben, bestehen nicht mehr. Man ist ökonomisch selbstständig, hat sich mit Hilfe eines Therapeuten aus der Abhängigkeit von den Eltern befreit, sucht im Beruf nach neuen Herausforderungen, wenn sie sich bieten (und wird von der Firma entlassen, sobald der das in den Kram passt).

Und das alles funktioniert, weil wir auch ohne Beziehungsgefüge sozial abgesichert sind. Diese Abhängigkeiten wurden aufgelöst, aber all das hat mit Liebe nichts zu tun.

Die Liebe springt vielmehr genau an dieser Stelle in die Bresche: Sie ist heutzutage der einzige legitime und akzeptierte Grund, sich an andere Menschen zu binden. Es gibt keinen Grund mehr, die Beziehung zu den Eltern aufrechtzuerhalten, es sei denn, ich liebe sie. Es gibt keinen Grund (und fast schon auch keine Entschuldigung mehr) dafür, bei meinem Ehemann zu bleiben, es sei denn, ich kann glaubhaft vermitteln (mir selbst und anderen) dass ich ihn noch liebe. Einzige Ausnahme sind die Kinder, um die Eltern sich kümmern müssen – allerdings auch nur, bis sie erwachsen sind.

Und deshalb ist die Liebe so wichtig geworden, deshalb ist sie für viele Menschen unverzichtbar. Weil wir ohne Liebe keinen Grund mehr haben, uns an andere Menschen gebunden zu fühlen, und weil wir keine Zugehörigkeiten mehr kennen, die sich von selbst verstehen. Auch wenn wir persönlich es anders machen und „treu“ sein wollen, so müssen wir doch ständig damit rechnen, von den anderen verlassen zu werden, sogar von unseren Kindern, sogar von unseren Eltern, und sowieso von unseren Ehefrauen und Ehemännern. Alles, was uns mit anderen noch zusammenhält, ist die Liebe.

Und das ist natürlich eine ziemliche Bürde, die wir der Liebe da aufgehalst haben.

Denn das Wesen der Liebe ist nun einmal ihre Unverfügbarkeit. Liebe geschieht oder geschieht nicht, sie ist da oder sie ist nicht da. Man kann (und sollte) das Phänomen Liebe zwar kulturell begleiten, bewusst reflektieren und so weiter. Aber wie man es auch dreht und wendet: Die Liebe kann kein Patentrezept für die sozialen Vereinzelungstendenzen unserer Zeit sein.

Die Liebe hat für sich genommen kein Problem, es gibt heute so viel Liebe wie immer (und ich behaupte sogar, mehr), die Liebe funktioniert heute so gut wie immer (ich behaupte sogar, besser). Aber sie steht eben nicht immer Gewehr bei Fuß, wenn man sie braucht. Liebe lässt sich nicht instrumentalisieren. Man kann sie nicht herbeizwingen. Und das ist natürlich tragisch, wenn sie der einzige Weg ist, der uns vor Vereinsamung und Vereinzelung schützt, uns Zugehörigkeit und Verbindlichkeit erleben lässt.

Deshalb denke ich, dass wir neue Narrative brauchen. Wir brauchen nicht mehr dauernd über die angeblichen Probleme der Liebe sprechen und über die Hindernisse, die ihr im Weg stehen. Worüber wir aber dringend sprechen und nachdenken sollten, das sind die Schwierigkeiten eines Lebens in einer Gesellschaft ohne selbstverständliche Zugehörigkeiten. Menschen können ohne verlässliche Bindungen nicht existieren, jedenfalls die meisten nicht. Wenn wir nun aber die alten Beziehungsgewebe mit ihrer Herrschaft, ihrer Ausbeutung, ihren Ungerechtigkeiten und der Ausnutzung von Abhängigkeiten nicht mehr wollen – wie gestalten wir Zugehörigkeit dann?

Jedenfalls nicht, in dem wir einfach: „Die Liebe ist die Lösung“ rufen. Sondern es geht darum, über Freiheit in Bezogenheit nachzudenken.

Die Liebe kommt und geht wie sie will, sie ist unverfügbar, ein Geschenk, etwas Unvorhergesehenes, Unerwartetes, etwas, das über den Horizont des Machbaren hinausweist. Das bedeutet aber auch: Sie ist nicht unbedingt da, wenn man sie braucht. Sie kann deshalb das Problem der fehlenden Zugehörigkeit nicht lösen.

Und insofern hat sie lediglich ein Sekundärproblem – das der Überlastung durch übersteigerte Erwartungen, die heute an sie gestellt werden.


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Liebe kennt kein Geschlecht! (Echt jetzt?)

Transparent beim CSD in Magdeburg. Mit frdl. Genehmigung: (c) eos.Werbeatelier

Immer wenn irgendetwas angeblich „kein Geschlecht“ kennt, fühle ich mich unbehaglich. Denn in Wirklichkeit kennt ALLES ein Geschlecht, nicht nur Männer und Frauen, sondern auch die Politik, die Mathematik, die Verkehrsplanung und das geputzte oder ungeputzte Klo.

Unsere gesamte Kultur ist durchzogen mit der Geschlechterdifferenz, es gibt kein Thema, bei dem das keine Rolle spielt. Der Grund dafür ist, dass die Geschlechterdifferenz – nicht von ihrem eigenen Prinzip her, sondern aufgrund der Art und Weise, wie sie historisch verhandelt wurde – zum Paradigma für die Differenz generell geworden ist. Das Weibliche steht stellvertretend für das Andere schlechthin in einer Kultur, in der sich das Männliche zur Norm gesetzt hat.

Und nun erst die Liebe!

Dass die Liebe mit der Geschlechterdifferenz eng verknüpft ist, hängt nicht in erster Linie an den heterosexuellen Grundvoraussetzungen der menschlichen Fortpflanzung. Es hängt damit zusammen, dass die Liebe von ihrem Wesen her eine Beziehung zum Anderen ist, die Beziehung zu einer anderen Person, die mir nicht gleicht, die mir nicht nützlich ist, die ich nicht vollständig verstehe, die ich nicht kontrollieren kann – wobei das alles auch in Liebesbeziehungen vorkommen mag, aber es ist nicht ihr Wesentliches. Denn eine Beziehung zu jemandem, der oder die mir gleicht, mir nützt und so weiter kann ich auch ohne Liebe haben. Das Wort „Liebe“ zeigt an, dass solche Gründe nicht alles abbilden.

Nun hat die Frauenbewegung schon lange gegen diese Zumutung protestiert, dass die Frauen das „Andere“ für die Männer repräsentieren sollten. Denn der Preis dafür war ihre Unfreiheit, und das konnte nicht so bleiben. Das Andere kann eine Frau auch in einer anderen Frau finden, das war die großartige Erkenntnis – und die Praxis – des Feminismus. Oder, um es mit der nüchternen Franziska zu Reventlow zu sagen: „Von Frauen weiß man überhaupt sehr wenig, wenn man selber eine ist.“ (Von Paul zu Pedro, S. 43)

Die Aufkündigung des alten Geschlechtervertrags (ein Begriff, den Carol Pateman prägte) von Seiten der Frauen hatte zur Folge, dass es notwendig wurde, anders über alles zu schreiben, die Komplexität der Verhältnisse und die Subjektivität der Frauen einzukalkulieren. Kein leichtes Unterfangen, wenn die kulturellen Codes weiterhin bestehen.

Deshalb flüchteten sich viele, deutlich mehr Männer als Frauen, in eine geschlechterneutrale Darstellung. Während die Geschlechterdifferenz in fast allen Veröffentlichungen von Frauen zu dem Thema durchaus im Blick ist, schreiben die Männer neuerdings über die Liebe, als wäre es völlig egal, ob ein Mann eine Frau liebt oder eine Frau einen Mann oder ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau. Ein schönes Beispiel (aber beileibe nicht das einzige) ist Niklas Luhmann, der bekanntlich – wie so viele – auch ein Buch über die Liebe geschrieben hat. Aber man könnte auch Erich Fromm anführen.

Diese Kehrtwende um 180 Grad könnte man fast lustig finden, wäre sie nicht eigentlich ignorant (gegenüber der Realität, aber auch gegenüber den Schriften und Erkenntnissen der Frauen). Denn schließlich haben wir Bibliotheken voller Bücher geerbt, in denen männliche Philosophen lang und breit erklärt haben, warum die Liebe einer Frau und die Liebe eines Mannes grundsätzlich prinzipiell und wesentlich etwas völlig Unterschiedliches sind, entsprechende Anweisungen inklusive.

Kant zum Beispiel wertete die Liebe des Mannes höher als die der Frau, sie sei weniger wollüstig und zärtlicher, sie wolle dem Gegenstand der Liebe gefallen und jenen nicht nur besitzen (vgl. Agnes Neumeyer, Kritik der Gefühle, S. 277) – eine Idee, die natürlich auch schon lange vor Kant vertreten wurde. Etwa von den alten Griechen, die, wenn sie über die Liebe schrieben, sowieso nur die Liebe zwischen Männern meinten. Überhaupt galten früher prinzipiell die Männer als die besseren Liebenden. Heute ist es lustigerweise genau andersrum (und genauso falsch), was wohl damit zusammenhängt, dass die Liebe mit der Verbürgerlichung ins „Private“ geschoben wurden, also in den weiblichen Aufgabenbereich.

Wie auch immer: Eine Aussage wie „Liebe kennt kein Geschlecht“ kann nicht als Beschreibung der Realität genommen werden, sondern sie ist vielmehr eine Vision, eine Proklamation: „Liebe soll kein Geschlecht mehr kennen!“ Eine Proklamation, die ich unterschreibe, wenn sie in der Bedeutung verstanden wird: „Wir wollen in der Liebe (im Nachdenken darüber wie in ihrem Praktizieren) uns nicht mehr an den alten Klischees über Geschlechterrollen und Heteronormativität orientieren.“

Aber woran dann? Wenn man bedenkt, dass wir nicht viel mehr in unserem kulturellen Fundus haben?

Ein naheliegender Schritt ist es, sich mehr dafür zu interessieren, was Frauen über die Liebe geschrieben haben. Ich lasse daher hier einfach nochmal Franziska zu Reventlow zu Wort kommen, die es 1912 so schrieb:

„Ach, mein Gott, wenn alles immer Liebe oder auch nur etwas Ähnliches sein sollte, wo käme man da hin? Jedes Mal Seligkeit, wenn es anfängt, „Konflikte“, während es dauert, und große Tragik, wenn es zu Ende geht – so etwa schienen diese Gerechten es sich vorzustellen -, nein, das möchte wirklich zu weit führen. Die Frau wolle doch wenigstens die Illusion haben, dass sie liebt, wenn sie einem Manne angehört – meinte jemand, und die anderen stimmten ihm bei. Das ist hart, sehr hart. Schon das diktatorische: die Frau, der Mann. Wer sind diese Frau und dieser Mann? Warum wohl überhaupt diese Sucht, diese schöne Vielfältigkeit des Lebens und seiner Möglichkeiten abzuleugnen oder wenigstens nach Kräften einzuschränken? … „Man“ tut doch schließlich in erster Linie, was einen freut, und weil es einen freut. Und das ist natürlich jedes Mal etwas anderes. Das kann wohl manchmal Liebe und „große Leidenschaft“ sein, aber ein andermal – viele, viele andere Mal ist es nur Pläsir, Abenteuer, Situation, Höflichkeit – Moment – Langeweile und alles Mögliche. … Es kommt „der Frau“ auch gar nicht in den Sinn, sich immer einzureden, dass es Liebe ist, im Gegenteil, das wäre ja manchmal nur peinlich, und sie ist recht froh, dass es sich anders verhält. Man braucht doch auch Erholung vom Ernst des Lebens.“ (S. 13f).


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